Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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12  Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Das  ganze  Gebäude  der  Verordnungen  —  das  „ancien  regime“  als
ökonomische  Gesellschaftsordnung  —,  ist  durch  sie  zusammengebrochen.
Und  das  auf  folgende  Weise:
Es  genügt  nicht,  diese  natürliche  Ordnung  zu  kennen:  man  muß
sich  auch  danach  richten.  Wie  soll  das  geschehen?  Nichtseinfacher,
da  ja  diese  natürliche  Ordnung  „tatsächlich  die  dem  menschlichen
Geschlechte  vorteilhafteste  ist“  *).  Nun  aber  wird  jeder  Einzelmenscb
„ganz  natürlich“  dem  Weg  zu  folgen  wissen,  der  für  ihn  der
vorteilhafteste  ist.  Er  wird  ihn  in  aller  Freiheit 2  3 )  linden,  ohne  daß
irgendein  Zwang,  irgendein  Polizeisäbel  nötig  ist,  der  ihn  vorwärts
treibt.
Die  psychologische  Wage,  die  jeder  Mensch  in  sich  trägt  —  und
die  man  viel  später  das  hedonistische  Prinzip  nannte  —  das  die
Grundlage  der  neo-klassischen  Schule  ist,  wird  schon  von  Qoesna*
prachtvoll  ausgeführt 8 ).  „Den  größtmöglichen  Genußzuwachs  bei
größtmöglicher  Ausgabeverminderung  erreichen,  stellt  Vollkommenheit
des  Wirtschaftens  vor.“  Das  ist  also  auch  die  natürliche  Ordnung-Und
  wenn  ihr  jeder  folgt,  so  wird  diese  Ordnung,  anstatt  gestört  zu
werden,  nur  dadurch  gestärkt.  „Es  beruht  auf  dem  Wesensgrundsatz
der  Ordnung,  daß  der  Vorteil  eines  Einzelnen  niemals  vom  Vorteil
Aller  getrennt  werden  kann,  und  dies  tritt  unter  der  Herrschaft  der
Freiheit  ein.  Die  Welt  läuft  dann  von  selbst.  Das  Trachten  .
nach  Wohlleben  übt  auf  die  Gesellschaft  einen  Bewegungsantrieb
aus,  der  zu  einem  beständigen  Streben  nach  dem  bestmöglichen  Zustande ­
  wird 4  5  *  * ).  Das  heißt  alles  in  allem:  es  gibt  nur  eins;  die
Dinge  gehen  lassen  (laisser  faire) B ).
Diese  berühmten  Worte  sind  seit  150  Jahren  so  oft  wiederholt
oder  kritisiert  worden,  daß  sie  banal  erscheinen;  damals  aber  waren
sie  es  sicherlich  nicht.  Es  ist  leicht,  heute  diese  Sozialpolitik  als  z u

>)  Baüdeau,  Ephemerides  du  Citoyen  et  passim.
s )  „Die  Gesetze  (der  natürlichen  Ordnung)  hindern  in  nichts  die  Freiheit  de«
Menschen  .  .  .  denn  die  Vorteile  dieser  höchsten  Gesetze  sind  ganz  offenbar  das  ZI®*
der  besten  Wahl,  die  die  Freiheit  treffen  kann.“  (Quesnay,  Natürliches  Rechb
—  droit  naturel  —  S.  55.)  Und  Mercier  de  la  BiviSre  sagt  (Bd.  II,  S.  617):  n Ü’ e
Aufrechterhaltung  des  Eigentums  und  der  Freiheit  läßt  ohne  Zuhilfenahme  irgendeines ­
  anderen  Gesetzes  die  vollkommenste  Ordnung  herrschen.“

3 )  Dialogues  sur  les  artisans  (Gespräche  über  die  Handwerker).

4 )  Mercier  de  la  BivikRE,  Bd.  II,  S.  617.

5 )  Der  Ursprung  dieses  berühmten  Ausspruches  ist  sehr  unsicher.  Mehre r ®
Physiokraten,  besonders  Mirabeau  und  Mercier  de  la  Biviere  sprechen  ihn  Vinc® D
de  Gournay  (s.  weiter  unten)  zu,  aber  Turgot,  der  doch  ein  Freund  Vin ceD

de  Gournay’s  war,  und  eine  Lobrede  auf  ihn  verfaßt  hat,  schreibt  ihn  (in  et')' 4
anderer  Form  —  laßt  uns  nur  machen  -—  laissez-nous  faire  —)  einem  Kaufmann  <*

Zeit  Colbert’s,  Legendre,  zu.  Nach  Onckek  stammt  das  Wort  vom  Marquis  d’Argen8°®j

der  es  in  seinen  Memoiren  schon  1736  gebraucht.  Da  das  Wort  an  sich  recht-  bs®  ’
ist  und  nur  deshalb  einigen  Wert  hat,  weil  es  die  Devise  einer  großen  Schule  6
            
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