Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Drittes Buch. Der Liberalismus. 
kommen sollte, Darwin, mit Enthusiasmus aufzunehmen. Wies er 
doch nach, daß die natürliche Zuchtwahl des Menschen durch die Aus- 
jätung der Schwachen die notwendige Bedingung des Fortschrittes der 
Arten sei, und daß dieser Fortschritt um diesen Preis nicht zu teuer be 
zahlt wird; und ist doch der Glaube an die Vorzüge der Konkurrenz schon 
die Verherrlichung des „struggle for life“, des Kampfes ums Dasein! 
Und doch ist der liberalen Schule weder der Nachweis gelungen, 
daß alle natürlichen Gesetze gut seien, noch auch hat sie den Fortschritt 
des Sozialismus und des Schutzsystems aufhalten können, und am Ende 
des 19. Jahrhunderts fand sie sich durch die von zwei Seiten auf sie ein 
dringenden Wogen fast überflutet. Trotzdem hat sie in keinem Augen 
blick ihr Selbstvertrauen verloren; durch ihre Prinzipientreue, durch 
die Beständigkeit ihrer Lehre, durch ihre hochmütig alle Volkstümlichkeit 
nichts achtende Haltung, hat sie sich eine Art eigener Prägung gegeben 
und sie verdient etwas Besseres als das oberflächliche Urteil, das aus 
ländische Nationalökonomen über sie gefällt haben, nämlich, daß sie 
jeder Originalität entbehre und nichts als ein schwacher Abglanz der Lehre 
Smitb’s sei. 
% 
In ihrer Geschichte gibt es besonders eine Periode, in der dieser 
Liberalismus und Optimismus ihren Höhepunkt erreichten, und diese 
Periode ist es, die wir jetzt näher betrachten wollen; sie fiel zwischen 
1830 und 1850. In dieser Zeit verwirklichte sich das, was man die Ver 
bindung der politischen Freiheit mit der wirtschaftlichen Freiheit nennen 
könnte, die von da an in ein einziges Glaubensbekenntnis verschmolzen 
und einen und denselben Namen trugen: Liberalismus. Die Wirtschaft' 
liehe Freiheit, darunter verstanden die der Arbeit und des Tausches, 
wurde auf die gleiche Stufe mit der Gewissens- und Pressefreiheit erhoben: 
sie erschien als eine Kategorie in der Gesamtheit der notwendigen Frei 
heiten, als eine der Eroberungen der Demokratie und der Zivilisation, 
und es schien ebenso eitel, sie unterdrücken zu wollen, als zu versuchen, 
einen Strom zu seiner Quelle zurückzulenken. Sie war dazu bestimmt, 
das allgemeine Programm der Befreiung von allen Arten der Knechtschaft 
zu vollenden. 
Nicht umsonst war, dreiviertel Jahrhundert vorher, die Üeburt der 
Nationalökonomie in die Todesstunde des „ancien regime“ gefallen; wenn 
aber auch die Physiokraten, im Bereich der ökonomischen Lehren, die 
ersten Liberalen gewesen waren, so waren sie es durchaus nicht im Bereich 
der Politik, da sie ja, wie wir wissen (S.39f.), die Lehre des „legalen Despotis 
mus“ vortrugen 1 ), die den Liberalen von 1830 als eine Monstrosität 
allerwenigstem aber als ein Überlebsei des Ancien Regime erschien: m 
0 Siehe weiter oben (S. 38 ff.), 
traten gesagt haben. 
wir über die politische Lehre der Phys
	        
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