Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

bekanntlich  hat  er  Bastiat  angeklagt,  ihn  plagiiert  zu  haben,  sondern
auch,  weil  er  ihm  in  gewisser  Hinsicht  überlegen  ist,  und  zwar  durch  seine
Methode,  durch  die  Kraft  seiner  Gedankenentwicklung  und  durch  die
breite  Grundlegung  einiger  seiner  Theorien,  besonders  der  der  Bodenrente.
In  unserer  Darlegung  der  Doktrinen  Bastiat’s  werden  wir  versuchen,
den  Teil  zu  bestimmen,  der  Carey  zukommt.  Wenn  wir  trotzdem  geglaubt
haben,  Bastiat  und  nicht  Carey  die  erste  Stelle  in  diesem  Kapitel  zuweisen
  zu  müssen,  so  liegt  das  nicht  nur  daran,  daß  wir  hauptsächlich
für  französische  Studenten  schreiben,  die  natürlicherweise  mehr  Gelegenheit ­
  haben,  diesen  als  jenen  zu  lesen,  sondern  auch  weil  die  Bücher  des
amerikanischen  Ökonomisten,  die  zu  einer  Zeit  erschienen  sind,  als  die
volkswirtschaftliche  Lehrtätigkeit  in  den  Vereinigten  Staaten  noch  fast
unbekannt  war,  bei  weitem  nicht  denselben  Einfluß  ausgeübt  haben,  wie
das  Buch  des  französischen  Nationalökonomen,  das  mitten  im  Streit  der
Ideen  entstand;  und  schließlich,  weil  die  Lehre  Carey’s  nicht  im  entferntesten ­
  die  prächtige  Einheit  der  Gedanken  der  Harmonien  zeigt-Der
  Beweis  hierfür  liegt  darin,  daß  man  bei  Carey  neben  der  Verurteilung
der  freien  Konkurrenz  zwischen  den  Völkern  die  Behauptung  findet,  daß
die  freie  Konkurrenz  zwischen  den  Individuen  eine  Notwendigkeit  sei-Auf
  Grund  dieses  Zwiespaltes  in  den  Lehren  Carey’s,  der  fast  ein  Wider'
spruch  ist,  haben  wir  uns  verpflichtet  gesehen,  ihn  in  zwei  Abschnitten
zu  behandeln,  so  daß  er  in  zwei  verschiedenen  Kapiteln  besprochen  wird-Bastiat
 1 )  ist  in  Frankreich  und  im  Auslande  als  die  Verkörperung

’)  Frederio  Bastiat  wurde  1801  in  Bayonne  geboren.  Er  entstammte  ci« el
Familie  wohlhabender  Kaufleute  und  war  nacheinander  Kaufmann,  Landwirt  in  de«
„Landes“,  Friedensrichter,  Mitglied  des  Kreistages  (conseiller  general)  und  endlich
Abgeordneter  der  Asscmblee  Constituante  von  1848.  Er  glänzte  nicht  besonders  als
Redner,  wozu  ihm  auch  die  Zeit  fehlte,  denn  er  starb  schon  1850,  im  Alter  vo«
49  Jahren,  in  Rom,  wohin  er,  schwer  erkrankt,  in  der  Hoffnung,  Genesung  zu  finde«»

gegangen  war.
Wenn  sein  Leben  kurz  war,  so  war  seine  wissenschaftliche  Laufbahn  noch  kürzer:
sie  dauerte  nur  sechs  Jahre.  Sein  erster  Aufsatz  erschien  1843  in  dem  Journal  des
ficonoinistes,  und  sein  einzig  wirkliches  Buch  Les  Harmonies  ficonomiq« e9,
das  1849  geschrieben  wurde,  blieb  unvollendet.  In  der  Zwischenzeit  veröffentlichte  eI
seine  Petits  Pamphlets  und  seine  Sophismes,  die  sich  gegen  das  Schutzzollsystem
und  den  Sozialismus  wendeten.  Er  bewies  eine  große,  aber  erfolglose  Rührigkeit,  u« 1
in  Frankreich  einen  Freihandelsverband  zu  organisieren,  nach  dem  Vorbilde  dessen»
der  wenige  Jahre  vorher  in  England  unter  der  Leitung  Cobden’s  gesiegt  hatte.
Wie  man  sieht,  war  sein  Leben  nicht  das  eines  Gelehrten,  sondern  das  ei«® 9
Journalisten.  Er  war  kein  Mann  der  Bibliothek.  Wir  wissen  jedoch,  daß  er  m 1
19  Jahren  J.-B.  Say  gelesen  hatte  und  etwas  später  Franklin  (Die  Weisheit  de
armen  Richard),  den  er  enthusiastisch  verehrte,  wie  er  selbst  gesagt  hat.  Frankl 11 *
Einfluß  läßt  sich  in  allen  seinen  Schriften  nachweisen  und  fand  sich  sogar  in  s< «.«®
Haltung  und  seinem  Benehmen.  „Mit  seinen  langen  Haaren  und  seinem  kleinen  H«  ’
seinem  Bratenrock  und  seinem  Familienregenschirm  würde  man  ihn  leicht  für  cine
            
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