Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

4

Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

17

stammt  aus  der  Theologie.  Die  Erzeugnisse  des  Bodens  sind  das
Werk  Gottes,  und  allein  Gott  ist  Schöpfer,  während  die  Erzeugnisse
der  Kunstfertigkeiten  Menschenwerk  sind  und  dem  Menschen  keine
Schöpferkraft  innewohnt 1 ).  Es  ist  leicht,  ihnen  zu  antworten,  daß
Gott,  wenn  er  allein  Schöpfer  ist,  ebenso  Schöpfer  bleibt,  wenn  er
uns  unsere  Kleidung,  als  wenn  er  uns  unser  tägliches  Brot  gibt,  daß
der  Mensch,  wenn  er  nur  umformen,  nicht  erschaffen  kann,  diese
Tätigkeit  ebenso  in  der  Bearbeitung  des  Bodens,  wie  in  der  des
Eisens  oder  des  Holzes  ausübt.  Selbstverständlich  kann  die  Landwirtschaft, ­
  ebenso  wie  alle  anderen  Industrien  die  Materie  nur  umformen. ­
  Ein  zweites  kann  es  nicht  geben.  Die  Physiokraten  haben
nicht  fassen  können  —  vielleicht  weil  Lavoisier  es  noch  nicht  gelehrt ­
  hatte  —  daß  in  der  Natur  nichts  sich  erzeugt  und  nichts  verloren ­
  geht,  daß  das  in  die  Erde  gesäte  Getreidekorn  seine  Ähren
ebenso  aus  Stoffen  des  Bodens  und  der  Luft,  Gramm  für  Gramm,  zusammensetzt, ­
  wie  der  Bäcker  aus  demselben  Korn,  Wasser,  Salz  und
Hefe  Brot  macht.
So  blind  jedoch  waren  die  Physiokraten  nicht,  zu  übersehen,  daß
die  Naturgüter  und  das  Getreide  selbst,  genau  wie  die  Industrieerzeugnisse
  Preisschwankungen  auf  dem  Markte  unterworfen  sind,
und  daß  sich  der  Reinertrag,  bei  einem  zu  großen  Tiefstand  des
Preises  in  Nichts  auflöst.  Wie  erzeugt  in  diesem  Falle  die  Erde
noch  einen  Wert?  Und  was  macht  den  Wertunterschied  zwischen
landwirtschaftlichen  und  industriellen  Erzeugnissen  aus?  Man  versteht ­
  dies  nicht  mehr.
Wahrscheinlich  war  in  der  Vorstellung  der  Physiokraten  der
»gute  Preis“,  d.  h.  der  Preis,  der  einen  Mehrwert  über  die  Produktionskosten ­
  einschloß,  das  normale  Ergebnis  der  natürlichen  Ordnung.
Wenn  der  Preis  unter  das  Niveau  der  Produktionskosten  sank,  war
die  natürliche  Ordnung  zerstört,  und  es  war  nicht  erstaunlich,  daß
in  diesem  Falle  der  natürliche  Wert  verschwand.  Dies  soll  ohne
Zweifel  in  dem  ziemlich  rätselhaften  Satze  Quesnay’s  ausgesprochen
werden,  wo  er  sagt:  „Fülle  und  Billigkeit  ist  nicht  Reichtum.  Knappheit ­
  und  hohe  Preise  ist  Armut.  Fülle  und  hohe  Preise  ist
Wohlleben“  2 ).
Wohl  bemerkt  aber,  wenn  der  „gute  Preis“  nur  der  Wertüberschuß ­
  des  Erzeugnisses  über  die  Produktionskosten  ist,  so  wird  dieser
1 )  „Die  Arbeit,  ausgenommen  die  Bearbeitung  des  Bodens,  ist  überall  unproduktiv
(steril),  denn  der  Mensch  ist  nicht  Schöpfer“  (Le  Trosnk,  S.  942).
„Der  Boden  besitzt  diese  Fähigkeit  (die  Fruchtbarkeit)  kraft  der  Allmacht  des
Schöpfers  und  des  Segens,  den  er  am  Anbeginn  über  ihn  aussprach;  eine  unerschöpfiche
  Quelle  der  Fruchtbarkeit  der  Natur.  Der  Mensch  findet  diese  Fähigkeit  vor;
er  tut  weiter  nichts,  als  sich  ihrer  zu  bedienen“  (id.  Interet  social,  Kap.  I,  §  2).
)  Quksnay,  S.  325.
Oide  und  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen  2.  Aufl.  2
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.