Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

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Menschen,  sondern  als  eine  von  dem  Grundbesitzer  dem  Verbraucher
auferlegte  Steuer.  Es  nennt  sich  dann  auch  nicht  mehr  Reinertrag,
sondern  Rente.
Was  die  Bezeichnung  „unproduktiv“  anlangt,  die  aller  Arbeit
außer  der  landwirtschaftlichen  gegeben  wurde,  so  werden  wir  sehen,
wie  sie  sich  verwischte,  und  wie  die  Bezeichnung  produktiv  nach  und
nach  jeder  Arbeitsgattung,  erst  der  Industrie,  dann  dem  Handel,  zuletzt ­
  den  freien  Berufen  zugesprochen  wurde.  Um  nur  bei  der  Industriearbeit ­
  zu  bleiben,  so  genügt  die  Bemerkung,  daß  auch,  wenn  sie
weiter  nichts,  als  den  Gegenwert  des  verbrauchten  Wertes  produzierte,
dies  allein  schon  die  Bezeichnung  „unproduktiv“  verbieten  würde;
sonst  würde,  wie  A.  Smith  witzig  bemerkt,  jede  Ehe  unproduktiv  —
steril  —  sein,  die  nicht  mehr  als  zwei  Kinder  erzeugt.  Die  Behauptung,
daß  addieren  nicht  multiplizieren  sei,  ist  Unsinn,  denn  wir  haben
schon  nachgewiesen,  daß  auch  die  Landwirtschaft  nur  zusammenzählen ­
  kann.  Übrigens  lehrt  schon  die  Arithmetik,  daß  Multiplizieren
nur  eine  abgekürzte  Form  der  Addition  ist.
Es  ist  eine  merkwürdige  Tatsache,  daß  unter  allen  Einkommensarten ­
  gerade  die  für  die  berechtigtste  und  höchststehende  gehalten
'wurde,  die  nicht  das  Ergebnis  der  Arbeit  war,  und  die
s Päterhin  unter  dem  Namen  Bodenrente  am  schwierigsten  zu  rechtartigen
  sein  sollte.
Muß  man  nun  folgern,  daß  die  physiokratische  Agrartheorie  des
Reinertrages  vollständig  unproduktiv  —  steril  —  gewesen  sei  ?  Nein.
Vom  geschichtlichen  Standpunkt  aus  hat  sie  zunächst  das  glückliche ­
  Ergebnis  gehabt,  den  damals  herrschenden  volkswirtschaftlichen
Uehren  entgegenzuwirken,  dem  Merkantilismus,  der  behauptet,  neuer
Reichtum  könne  nur  durch  den  Handel,  und  ein  Reinertrag  nur  durch
hie  Ausbeutung  fremder  Völker  oder  der  Kolonien  entstehen.
Die  Physiokraten  haben  über  die  Merkantilisten  und  dieOolbertisten
hinweg  Sully  die  Hand  gereicht,  der  die  Quelle  des  Nationalreichtums
„in  den  beiden  Brüsten  Getreidebau  und  Viehzucht“,  sah.  Es  ist  tatsächlich ­
  bemerkenswert,  daß,  trotz  ihres  Irrtums  die  Landwirtschaft
seitdem  den  Rang,  den  die  Physiokraten  ihr  gegeben  haben,  nicht
wieder  verloren  hat;  diese  starke  Betonung  der  Landwirtschaft,  eine
recht  unerwartete  Folgeerscheinung,  ist  ein  Hauptfaktor  in  dem
Wiedererwachen  der  Schutzzollidee  gewesen,  so  daß  die  freihändlerischen ­
  Physiokraten  von  dem  Erfolg  ihrer  eigenen  Lehre  verraten
wurden  ....  Es  ist  jedoch  keineswegs  sicher,  daß  sie  nicht  heute
für  einen  landwirtschaftlichen  Schutzzoll  eintreten  würden!  Dies  ist
auch  die  Meinung  des  Nationalökonomen  Oncken,  der  sie  am  eingehendsten ­
  studiert  hat. 1 ).  —
')  Geschichte  der  National-Ökonomie,  I,  Teil:  Die  Zeit  vor  Adam
            
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