Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Drittes Buch. Der Liberalismus. 
Sympathie 1 ) aus, und ein normales Individuum findet im Gegenteil eine 
Sympathie Quelle der Freude in der Freude, die es Anderen verschafft. 
Dies hindert nicht, daß Malthüs und Ricardo uns klar Fälle ge 
zeigt haben, wo die individuellen Interessen in gegenseitigem Kampfe 
liegen, und wo infolgedessen das Eine dem Anderen geopfert werden muß, 
und daß Stuart Miu, weil davon entfernt, diesen Kampf zu leugnen, 
ihn besonders hervorhebt. Hierauf antwortet die klassische Schule einer 
seits mit den Optimisten, wie wir es bei Bastiat gesehen haben, daß diese 
Gegensätze nur scheinbar sind, und daß unter dieser Oberfläche sich 
die Harmonie verbirgt, — andererseits, daß diese Gegensätze nicht vom 
Individualismus oder der Freiheit herrühren, sondern im Gegenteil 
davon, daß beide nur erst höchst unvollkommen verwirklicht, ja sogar 
kaum begriffen sind. Am Tage aber, der den vollkommenen Zustand 
sieht, werden sie die Übel, die sie vorübergehend geschaffen haben, heilen a )- 
Das alte Bild von der Lanze des Achilles, die die von ihr verursachten 
Wunden wieder heilte, ist hier nicht zu vermeiden. Späterhin treten 
andere Individualisten auf, die mit Herbert Spencer sagen werden, 
daß dieser Interessenkonflikt der Individuen nicht nur in Übereinstimmung 
mit den allgemeinen Interessen der Gesellschaft ist, sondern daß auf 
ihm aller Fortschritt beruht, weil er die Unfähigen dazu zwingt, den 
Fähigeren den Platz zu räumen. 
2. Das Gesetz der freien Konkurrenz. Wenn man zugibt, daß 
jede Person ihren eigenen Vorteil am besten beurteilen kann, so kann 
man selbstverständlich nichts Besseres tun, als es jedem zu überlassen, 
seinen Weg zu finden. Der Individualismus schließt daher die Freiheit 
ein, und so ist die individualistische Schule auch ganz richtig mit dem 
Namen liberale Schule bezeichnet worden. Diese zweite Benennung 
D Wir erinnern daran, daß A. Smith ein Buch:Theory of moral sentiments 
verfaßt hat und verweisen auf das oben Gesagte (S. 94f.). Stuart Mill sagt sogar 
„In den Vorschriften Jesu von Nazareth finden wir den wirklichen utilitaristischen 
Geist: „Tue deinem Nächsten, was du willst, das er dir tue. Liebe deinen Nächsten, 
wie dich selbst.“ Wie dich selbst: man muß daher damit beginnen, sich selbst & u 
lieben, ehe man Andere lieben kann“ (L’Utilitarisme, franz. Übers., S. 31). 
2 ) Das ist es, was Stuart Mill verspricht: „Es ist der unvollkommene 
Zustand der sozialen Einrichtungen, der es bedingt, daß das beste Mittel, 
dem Glück Anderer zu dienen, darin besteht, sein eigenes zu opfern.“ (Utilitarisme, 
S. 30). — und sollte man nicht hinzufügen, da die beiden Sätze sich notwendigerweise 
ergänzen, daß heute das beste Mittel, seinem eigenen Glück zu dienen, darin besteht, 
das der Anderen zu opfern? Doch Geduld 1 „Die fortschreitende Entwicklung der 
menschlichen Vernunft wird bei allen Einzelwesen ein Gefühl der Einheit mit alle» 
Anderen erzeugen, ein Gefühl, das, wenn es zu seiner Vollkommenheit gelangt ist, dem 
Individuum nicht mehr gestatten wird, irgendeine Verbesserung seiner Lage anzu 
streben, an der nicht auch alle Anderen teilhaben.“ — Der so aufgefaßte Individu» 
ismus ist eher das, was wir heute unter Solidarismus verstehen und zwar in seinem 
transzendentesten Ausdruck.
	        
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