Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

402  Drittes  Bach.  Der  Liberalismus.

recht  interessantes  Buch  schreiben,  um  diesen  Nachweis  zu  führen.  Ohne
von  dem  Einfluß  der  Philosophie  A.  Comte’s  zu  sprechen,  auf  den  er  bei
jeder  Gelegenheit  hinweist,  und  um  nur  auf  nationalökonomischem  Boden
zu  bleiben,  hat  er  selbst  anerkannt,  daß  er  den  Saint-Simonisten  einen
großen  Teil  seiner  Lehre  über  das  Erbrecht  und  das  arbeitslose  Einkommen
verdankt,  Sismondi  seine  Sympathie  für  den  kleinbäuerlichen  Besitz,
und  den  Assozialisten  von  1848  seinen  Glauben  an  die  Kooperativ-Gesellschaften ­
  als  Ersatz  des  Lohnsystems.
Dies  soll  durchaus  nicht  heißen,  daß  Stuart  Mii.l  sich  zum  Sozialismus ­
  bekehrt  habe.  Freilich  weiß  er  ihn  gegen  unverdiente  Anschuldigungen ­
  zu  verteidigen.  Denen,  die  ihm  vorwerfen,  jede  persönliche
Initiative  und  alle  Freiheit  vernichten  zu  wollen,  antwortete  er  verächtlich,
daß  „der  Lohnempfänger  der  Fabrik  heute  weniger  persönliches  Interesse
an  seiner  Arbeit  habe,  als  irgendein  Mitglied  einer  kommunistischen
Genossenschaft“,  und  daß  „aller  Zwang  des  Kommunismus  als  eine  Erlösung ­
  gegenüber  der  heutigen  Lage  der  Mehrheit  des  Menschengeschlechtes
wirken  würde“ 1 ).  Wenn  er  zugibt,  daß  „schon  heute  der  Kommunismus
von  einer  Elite  von  Menschen  verwirklicht  werden  könne,  und  daß  dies
später  von  Allen  getan  werden  kann“ 2  3 ),  und  wenn  er  der  Hoffnung  Ausdruck
gibt,  daß  eines  Tages  „die  Erziehung,  die  Sitte  und  die  Kultur  der  Gefühle ­
  den  Menschen  dazu  bringen  werden,  für  sein  Vaterland  ebensogut
den  Boden  umzugraben  oder  Leinewand  zu  weben,  wie  er  heute  für  sein
Vaterland  kämpft“  —  so  scheidet  er  sich  doch  nichtsdestoweniger  vom
Sozialismus,  da  er  die  Notwendigkeit  der  freien  Konkurrenz  aufrecht
erhält  und  mit  Energie  jeden  Zwang  der  Mehrheit  hinsichtlich  der  wesentlichen ­
  Rechte  des  Individuums  zurückweist.
Der  erste  Schlag,  den  er  gegen  die  klassische  Doktrin  führt,  besteht
darin,  daß  er  ihre  Grundlage,  den  Glauben  an  allgemeine  und  ewig®’
natürliche  Gesetze  untergräbt.  Er  geht  nicht  soweit,  zu  behaupten,  vn®
es  später  die  historische  Schule  und  der  Marxismus  tun,  daß  diese  angeh'
liehen  natü'liehen  Gesetze  nichts  weiter  sind,  als  Ausdrücke  von  Beziehungen, ­
  die  einem  gewissen  Zustande  der  wirtschaftlichen  Geschieh  e
eigentümlich  sind  und  mit  ihm  sich  ändern  werden.  Aber  er  führt  eine  v°n
Folgerungen  geradezu  trächtige  Unterscheidung  ein:  —  in  dem  Bereit^
der  Produktion  gibt  es  allerdings  natürliche  Gesetze;  im  Bereich  de
Verteilung  jedoch  gibt  es  nur  Gesetze,  die  von  Menschen  gemacht  worde
sind,  und  die  infolgedessen  auch  von  Menschen  geändert  werden  können  )■

1 )  Principles,  B.  II,  Kap.  1.
2 )  Gouvernement  reprdsentatif,  S.  21.  Mfit't
3 )  „Die  ersteren  (die  Gesetze  der  Produktion)  haben  einen  ähnlichen  Char  ^
wie  die  physischen  Gesetze.  In  ihnen  gibt  es  nichts  Fakultatives  oder  Willkürliche  ^
Für  die  Gesetze  der  Verteilung  gilt  aber  nicht  dasselbe.  Sie  sind  nur  eine  ® e
            
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