Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  431

Ausgaben  herausgegeben  worden  waren,  präzisiert  er  genau  diesen  Charakter
der  wirtschaftlichen  Gesetze:  „Sie  sind“,  sagt  er,  „auf  die  Annahme  einer
gewissen  Vereinigung  von  Umständen  gegründet  und  besagen,  wie  eine
gegebene  Ursache  unter  diesen  Umständen  wirken  würde,  vorausgesetzt,
daß  keine  anderen  in  Verbindung  mit  ihr  auftreten.  Wenn  die  Bedingungen
einer  bestehenden  Gesellschaft  zur  Voraussetzung  genommen  sind,  so
sind  die  Schlußfolgerungen  für  diese  Gesellschaft  wahr,  ausgenommen
jedesmal,  wenn  die  Wirkung  dieser  Bedingungen  durch  andere,  nicht  in
Berechnung  gezogene,  verändert  worden  ist“ 1 ).  Folglich  kann  die  Soziologie,
  von  der  in  seinen  Augen  die  Volkswirtschaft  nur  ein  Zweig  ist,
»Dicht  eine  Wissenschaft  positiver  Voraussagen,  sondern  nur  eine  Wissenschaft ­
  von  Tendenzen  sein“.  Klarer  kann  niemand  den  nur  „relativen“
Wert  der  wirtschaftlichen  Gesetze  ausdrücken.
Wie  dem  nun  auch  sei,  die  modernen  Volkswirtschaftler  haben  die
Kritiken  der  Anhänger  der  historischen  Schule  für  genügend  begründet
be 'unden,  um  in  größerer  Genauigkeit  einen  Schutz  gegen  ähnliche  Vorwürfe ­
  zu  suchen.  Unter  anderem  definiert  Marshall  die  wirtschaftichen
  Gesetze,  indem  er  den  Ausdruck  Mill’s  wiederaufgreift,  als  „einen
Dsdruck  wirtschaftlicher  Tendenzen“ 2 ).
.  Ihrerseits  haben  die  Gründer  der  reinen  Ökonomik,  deren  Methode
y  a ®  klarsten  von  der  der  historischen  Schule  unterscheidet,  die  gleiche
°rsicht  angewendet.  Sie  gründen  ihre  Schlußfolgerungen  ausdrücklich
I  I  absichtlich  auf  eine  Auswahl  einer  gewissen  Anzahl  vorher  angeführter
ypothesen,  deren  sichere  Verwirklichung  sie  sich  wohl  hüten  zu  behaupten.
ie  reine  Ökonomik“,  sagt  Walras,  „muß  der  Erfahrung  typische
j,,!  ' cr  für  den  Tausch,  das  Angebot,  die  Nachfrage,  die  Kapitalien,  die
üikünfte,  die  produktiven  Dienste  und  die  Produkte  entlehnen.  Von
^esen  wirklichen,  typischen  Bildern  muß  sie  durch  Definition  ideelle
ypcD  abstrahieren,  und  ihre  Schlußfolgerungen  auf  diese  letzteren  aufzuUl’
  Um  zur  Wirklichkeit  nur  zum  Zweck  der  Anwendung  zurück-Unt
  ren ’  wenn  die  Wissenschaft  abgeschlossen  ist 3 ).“  Die  reine  Ökonomik
u  w ^ Uc ht  zum  Beispiel  die  Wirkungen  der  Konkurrenz,  nicht  unter  der
gQ  ?  <ornm enen  Form,  in  der  sie  sich  in  Wirklichkeit  uns  darbietet,
Wo  lf* 1  W * e  s * e  aiJ f  einem  hypothetischen  Markt  funktionieren  würde,
in  v  if  ^’^Kahcnten  ihre  wirklichen  Interessen  genau  kennen  und  ihnen
Der  Ti  Freiheit  und  in  vollständiger  Öffentlichkeit  nachgehen  können.
Ver  -e griff  eines  Grenzzustandes  dieser  Art  gestattet,  wie  durch  ein
uns  r erungs g |as >  die  Folgen  einer  Hypothese  zu  untersuchen,  wie  sie
., l(;  Wirklichkeit  nie  mit  voller  Klarheit  bietet.
—  Man  kann  die  Vorteile  dieser  Methode  bestreiten,  aber  man  kann
>  ? r TUAKT  Mill,  Logik,  franz.  Übers.,  Bd.  II,  S.  494.
3  ^dshall,  Principles  of  economics,  4.  Ausg.,  B.  I,  Kap.  6,  §  6.
alras,  Üconomie  Politique  pure,  4.  Ausg.,  S.  20.
            
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