Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

nicht  behaupten,  daß  ihre  Urheber  die  Relativität  der  so  gewonnenen
wirtschaftlichen  Gesetze  verheimlicht  hätten.
Man  mag  den  Anhängern  der  historischen  Schule  dafür  danken,
daß  sie  diesen  Charakterzug  in  einem  Augenblick  klar  hervorheben,
in  dem  einige  Volkswirtschaftler  ihn  vergessen  zu  haben  schienen.  Man
kann  aber  behaupten,  daß  er  heute  von  Allen  im  vollen  Umfang  anerkannt
ist.  Wenn  sich  Knies  dazu  anschickt,  hierauf  eine  absolute  Unterscheidung
zwischen  natürlichen  und  wirtschaftlichen  Gesetzen  zu  begründen,  so
erscheint  dies  vielen,  vielleicht  sogar  der  Mehrzahl  der  Volkswirtschaftler
als  ungerechtfertigt 1 ).
b)  Die  Anhänger  der  historischen  Schule  werfen  weiterhin  den  ersten
Ökonomisten  vor:  daß  ihre  Psychologie  eng  und  ungenügend  gewesen  sei.
Adam  Smith,  Say  und  Ricardo  betrachten  das  Selbstinteresse  als  den
einzigen  Beweggrund  aller  menschlichen  Handlungen.  Sie  bilden  sich  ein,
daß  der  Mensch  einzig  und  allein  von  der  Jägd  nach  dem  Gewinn  beherrscht ­
  sei.  Die  Anhänger  der  historischen  Schule  sagen  nun,  daß  das
Interesse,  sogar  in  wirtschaftlicher  Hinsicht,  durchaus  nicht  der  einzige
Beweggrund  menschlichen  Handelns  sei.  Hierin,  wie  in  anderen  Dingen»
gehorche  der  Mensch  den  verschiedensten  Triebfedern:  der  Eitelkeit,
der  Ruhmsucht,  dem  Tätigkeitstrieb,  Pflichtgefühl,  Mitleid,  Wohlwollen,
der  Nächstenliebe,  oder  einfach  der  Gewohnheit.  Knies  sagt:  „Den  Mensehen
  unwandelbar  und  allgemein  in  seiner  wirtschaftlichen  Tätigkeit
nur  von  eigennützigen  Motiven  geleitet  hinstellen,  ist  tatsächlich  entweder
gleichbedeutend  mit  der  Ableugnung  aller  edleren  und  besseren  Motive
in  jeglichem  Beginnen  des  Menschen,  oder  mit  der  Lehre,  daß  jeder  Mensch
so  und  so  viele  selbständig  nebeneinander  wirkende  Mittelpunkte  seines
geistigen  Lebens  habe“ 1  2 ).
Daß  die  Klassiker  im  persönlichen  Interesse  (nicht  im  Egoismus,
wie  Knies  sagt,  indem  er  diesem  Wort  einen  erniedrigenden  Sinn  gibt)’
den  Ursprung  und  die  grundlegende  Erklärung  der  wirtschaftlichen  Tatsachen ­
  gesehen  haben,  wird  niemand  bestreiten.  Die  Anhänger  der  historischen ­
  Schule  scheinen  sich  aber  auch  hier  getäuscht  zu  haben,  indem
sie  ihrer  Beobachtung  eine  viel  zu  große  Tragweite  gaben.  Damit  beschäftigt, ­
  die  Wirklichkeit  in  ihrer  ganzen  komplizierten  Zusammensetzung
zu  erfassen,  und  mehr  für  das  Spezielle  und  Charakteristische  als  f lir
das  Allgemeine  und  Universelle  interessiert,  haben  die  Anhänger  der  historischen ­
  Schule  vergessen,  daß  die  Volkswirtschaft  als  Wissenschaft  di
wirtschaftlichen  Tatsachen  als  Massentatsachen  betrachtet.  Die  klassi
sehen  Volks  Wirtschaftler  bemühten  sich  das  Allgemeine,  nicht  das  Jn
dividuelle  zu  studieren.  Und  ist  denn  im  Wirtschaftsleben,  wenn  ma>

1 )  Gewisse  Schriftsteller  geben  jedoch  eine  vollständige  Assimilation  nich
Z.  B.  Wagner,  Grundlegung,  Bd.  I,  S.  335.
2 )  Knies,  op.  cit.,  S.  232.
            
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