Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Quesnay  und  seine  Nachfolger,  indem  sie  das  Parasitentum  dieser
Klasse  so  scharf  hervorheben,  wenn  nicht  offensichtlich,  so  doch  in
der  Tendenz  ihrer  Werke  dem  Sozialismus  vorarbeiteten.  Doch  wieweit ­
  waren  sie  von  jedem  derartigen  Gedanken  entfernt!  Sie  haben
keine  Ahnung  gehabt,  in  welche  schiefe  Lage  sie  die  Grundbesitzer
brachten.  Im  Gegenteil,  sie  sind  ihnen  gegenüber  voller  Ehrerbietung.
Nicht  sie,  sondern  die  Industrie  und  die  Industriearbeiter  werden
von  ihnen  mit  dem  Ausdruck  steril,  unproduktiv  bedacht!  Aus  diesen
Großgrundbesitzern  machen  sie  die  Grundlage  der  ganzen  natürlichen
Ordnung.  Sie  umkleiden  sie  mit  einer  Art  wirtschaftlichen  Hohenpriestergewandes; ­
  der  Besitzer  hat  das  Amt,  den  Menschen  das  Brot
auszuteilen,  das  Brot  des  Lebens;  nur  durch  seine  Hand  werden  alle
der  Kommunion  teilhaftig.  Er  ist  eine  göttliche  Einrichtung:  so
schreiben  sie  selbst 1 ).  Eine  derartige  anbetende  Verehrung  bedarf
einer  Erklärung.
Anscheinend  hätten  die  Physiokraten  doch  die  von  ihnen  selbst
ausdrücklich  als  produktiv  bezeichnete  Klasse,  nämlich  die  Leiter
der  Landwirtschaft,  die  damals  alle  Pächter  oder  Halbscheidpächter
waren,  an  die  erste  Stelle  setzen  müssen!  Pächter  und  Halbscheidpächter ­
  haben  aber  die  Erde  nicht  gemacht;  sie  haben  sie  erst  von
dem  Besitzer  erhalten.  Ihm  gebührt  der  Vorrang  noch  vor  der  produktiven ­
  Klasse,  denn  er  ist,  nach  Gott,  der  erste  Verteiler  allen  Reichtums ­
  2 ).
Es  ist  überflüssig,  besonders  auf  diese  merkwürdige  Verirrung
hinzuweisen,  auf  Grund  derer  sie  den  wirklichen  Schöpfer  der  Erde
und  ihrer  Produkte  nicht  in  dem,  der  sie  bearbeitet,  sondern  in  dem
Müßiggänger  sahen.  Doch  läßt  sich  dies  zunächst  gerade  aus  der
Logik  ihrer  Doktrinen  erklären.  Es  ist  nämlich  zuerst  darauf  hinzuweisen, ­
  daß  die  Physiokraten  der  Arbeit  nicht  die  hohe  Stellung
zusprechen  konnten,  die  wir  ihr  heute  beilegen,  da  für  sie  die  Arbeit
keineswegs  Güter  schuf,  —  und,  was  wohl  zu  beachten  ist.  die  Arbeit
des  Landarbeiters  ebensowenig,  wie  die  des  Industriearbeiters;  wenn
sie  die  erste  produktiv  nannten,  so  lag  das  daran,  weil  die  Natur

*)  „Es  ist  unmöglich,  das  Besitzrecht  nicht  als  eine  göttliche  Einrichtung  an-;
  zuerkennen,  die  das  Mittel  ist,  auf  Grund  dessen  wir  bestimmt  sind,  als  zweite  Ur-;
  Sache,  das  große  Werk  der  Schöpfung  fortzusetzen  und  die  Absichten  seiner  Urheber
■i  zu  fördern“  (La  RiviSre,  S.  618).
„Die  Gesellschaftsordnung  setzt  unbedingt  diese  dritte  Klasse  von  Bürgern
voraus,  die  die  ersten  Vorbereiter  und  Hüter  der  Bodenkultur  und  die  verwaltenden
Besitzer  des  Reinertrags  sind“  (Quesnay,  S.  186).
2 )  „Unmittelbar  unter  den  Grundbesitzern  ist  die  produktive  Klasse,  deren
;  Arbeit  die  Grundvorschüsse  bedingt  und  von  denen  sie  selbstverständlich  abhängt“
:  (Baüdeau,  S.  691).
            
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