Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes Buch. Die Abtrünnigen. 
vorhergegangenen Verteilung der Einkommen und den Geschmacks 
richtungen der Verbraucher ah. Wie sollen wir nun imstande sein, mit 
Sicherheit die der Gesellschaft nützlichste Verteilung der Einkommen zu 
definieren? — oder die für ihre Entwicklung günstigsten Geschmacks 
richtungen festzulegen? Das ist selbstverständlich unmöglich. Wie kann 
man daraus, daß die wirtschaftliche Freiheit die Nachfrage am besten 
zu befriedigen gestattet, schließen, daß sie die bestmögliche Wirtschafts 
form darstelle? Einen Schritt weiter, und Cournot würde den von Pareto 
heute so klar formulierten Unterschied zwischen dem „Nützlichkeits 
maximum“, einem ungenauen und schwankenden Begriff, und dem 
„Ophelimitätsmaximum“ aufgestellt haben, dessen Erforschung „ein 
genau umrissenes Problem darstellt, das ausschließlich der Volkswirt 
schaft zugehört“ 1 ). 
Ergibt sich nun hieraus für Cournot, daß man sich in der National 
ökonomie jedes Urteils über Gut und Böse enthalten und auf jede Ver 
besserung verzichten soll ? Durchaus nicht. Auch wenn man das absolut 
Beste nicht in einer Definition festlegen kann, so darf man hieraus nicht 
schließen, daß man nicht dazu gelangen könne, ein relativ Gutes klar 
herauszuarbeiten. „Wenn sich in irgendeinem Teile des wirtschaftlichen 
Systems“, sagt Cournot, „eine Änderung vollzieht, die nicht darauf 
angelegt ist, eine Einwirkung auf den Rest des Systems auszuüben, und 
wenn sich diese Veränderung auf vergleichbare Dinge erstreckt, so wird 
man einen Fortschritt, eine Verbesserung konstatieren können“ 2 ). Dieser 
Fortschritt beruht nicht notwendigerweise auf dem Einfluß des Privat 
interesses. Wie Sismondi vor ihm, so führt auch er zahlreiche Fälle an, 
in denen dieses Interesse im Gegenteil im Widerspruch zu dem allgemeinen 
Interesse steht, und er ■ weist besonders auf die hin, bei denen die Ein 
mischung des Staates nützlich sein könnte. 
Alle diese Schriftsteller lassen daher in verschiedenen Abstufungen 
die Einmischung des Staates in die wirtschaftlichen Verhältnisse zu. 
Immerhin bleibt in ihren Augen die Freiheit das grundlegende Prinzip 
aller Wirtschaftspolitik. Sismondi begnügt sich damit, nur schüchtern 
Wünsche zu formulieren, so groß erscheinen ihm die Schwierigkeiten 
einer wirklichen Einmischung. Stuart Mill will, daß in jedem einzelnen 
Fall die Beweislast für die Notwendigkeit der Einmischung ihren An 
hängern obliege. Für Cournot „bietet sich der Gedanke der Freiheit noch 
immer als das natürlichste und einfachste Kriterium dar“, und wenn der 
Staat sich einmischt, so kann das nur unter der Bedingung geschehen, 
„daß die Wissenschaft klar den Zweck definiert und die Wirksamkeit des 
Mittels positiv nachgewiesen hat“. — Aber für Alle, und hierin liegt der 
wesentliche Fortschritt, hat die Freiheit aufgehört ein Wissenschaft- 
*) Pareto, Cours d’economie politique, 1897, Bd. II, § 656. 
2 ) Cournot, Principes, S. 422.
	        
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