Kapitel II. Der Staatssozialismus.
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Auch hierin hebt Rodbertus wieder eine unbestreitbare Tatsache
hervor. Selbstverständlich ist es das Streben nach dem größten Netto
ertrag, das den Produzenten leitet. Die Würdigung, die er dieser Tatsache
gibt, unterliegt aber ganz außerordentlich der Kritik. Wenn der zu ver
folgende Zweck die Befriedigung dessen ist, was er das soziale Bedürfnis
nennt, und nicht die der Nachfrage, so muß man sich allerdings seiner
Meinung anschließen. Dann ist es ein charakteristischer Fehler der gegen
wärtigen Gesellschaft, sich auf die Rentabilität zu stellen, denn ein der
artiger Standpunkt gestattet nur, die Nachfrage von Einzelpersonen zu
befriedigen. Wenn aber, wie wir oben gezeigt haben, das Wort „soziales
Bedürfnis“ keinen fest umrissenen Sinn hat, so fehlt auch dem Worte
Produktivität jede genaue Bedeutung. Und wenn eine Gesellschaft ihren
Gliedern keine willkürliche Skala von zu befriedigenden Bedürfnissen auf
zwingen will, wenn, mit anderen Worten, die Nachfrage und der Verbrauch
Bei bleiben, so hat sogar eine kollektivistische Gesellschaft nur ein mög
liches System, um zu wissen, ob die erlangte Befriedigung die aufgewendete
Mühe lohne: sie muß gleichfalls die gegenwärtige oder künftige Renta
bilität eines Produktionszweiges, d. h. die Differenz zwischen Gestehungs-
und Verkaufspreis messen 1 ). Einer der interessantesten Nachweise eines
heutigen Volkswirtschaftlers, Pareto, liegt darin, daß die kollektivistische
Gesellschaft, um die soziale Nachfrage zu befriedigen, sich ebenso, wie die
gegenwärtige, auf die von den Preisen gelieferten Angaben stützen muß.
2. Was die Ausübung der zweiten von Rodbertus erwähnten Funk-
Gon anlangt, die volle Ausnutzung der Produktionsmittel, so begnügt sich
unser Schriftsteller damit, die Kritiken der Saint-Simonisten über das
Pehlen einer Leitung anzuführen, das die heutige Ordnung charakterisiert,
in der „die wirtschaftliche Leitung erblichen Eigentümern übertragen ist“,
und er weist, wie Sismondi, darauf hin, daß die Einstellung der Produk
tivkräfte nur von der Laune der kapitalistischen Besitzer abhängt 2 ). In
diesem Punkte begnügt er sich damit, seinen gewöhnlichen Quellen zu
folgen, ohne die dort ausgeführten Gedanken durch irgendeinen selb
ständigen Beitrag zu bereichern.
tabihtät das wesentliche Kriterium. Allerdings haben die Arbeiter eines Betriebes
ei ? e wesentlich andere Auffassung davon, wann aus dem Grunde ungenügenden Ge-
'vmnes eine Produktionsänderung erforderlich ist, als der gegen ihr Geschick gleich-
S^ltige Fabrikherr, der sie nach Belieben entlassen kann.
T Es handelt sich selbstverständlich hier nur um Einzelbedürfnisse. Di«| Rea
Labilität kann nicht der einzige Leitgedanke der Produktion sein. Viele Kollektiv-
hedürfnisse müssen befriedigt werden, deren Befriedigung nicht notwendigerweise
gewinnbringend bt Es kommt darauf an, sie zu bestimmen. Rodbertus spricht aber
gerade hier nur von Privatbedürfnisson: die öffentlichen Bedürfnisse hat er wohlbe-
daehterweise beiseite gestellt. Daher kann es sich hier einzig und allem um diese privaten
^edürfnisse/liandeln.
2 ) Kapital.