Kapitel II. Der Staatssozialismus.
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Seiten der Güterverteilung herausgearbeitet. Er zeigt mit unvergleichlicher
Kraft den ewigen Widerspruch, der für so viele Denker ein Stein des An
stoßes gewesen ist, und der zwischen unserem Gerechtigkeitsgefühl, das
die Entlohnung eines jeden im Verhältnis zu seiner Leistung verlangt,
und der Gleichgültigkeit der Gesellschaft besteht, die, vor allem Anderen
mit der Befriedigung ihrer Bedürfnisse beschäftigt, einzig und allein den
Marktwert der Dienste und der Produkte in Betracht zieht, ohne sich über
ihren Ursprung oder die Anstrengungen, die sie gekostet haben, Gedanken
zu machen, — und unterschiedslos die Tagesarbeit des Arbeiters und das
von dem ersten besten Müßiggänger ererbte Kapital in gleicher Weise
entlohnt. Es ist das unzweifelbare Verdienst Rodbertus’, diese Wahrheit
aus den oft verworrenen Auseinandersetzungen der früheren Schriftsteller
herausgearbeitet und sie mit unbestreitbarer Autorität der Aufmerksam
keit der Volkswirtschaftler aufgezwungen zu haben.
Hierbei bleibt aber die Kritik Rodbertus’ nicht stehen — und wenn
auch vom Gesichtspunkt der Geschichte der Doktrinen der Nachweis,
den wir eben zusammengefaßt haben (der Unterschied in der Verteilung vom
sozialen und vom rein wirtschaftlichen Gesichtspunkte aus) sein haupt
sächlichstes Verdienst vorstellt, — so müssen wir doch noch auf die Folge
rungen, die er daraus zieht, eingehen.
Was Rodbertus von seinem Standpunkt aus am meisten interessiert,
ist nicht, — wie man schon bemerkt haben wird, — die Art und Weise,
'^e sich die Höhe des Lohnes, der Zinsen oder der Pacht festsetzt. In
seinen Augen ist dies ein durchaus nebensächliches, fast gleichgültiges
Problem, im Vergleich zu der viel wichtigeren sozialen Frage: welches
siud die proportionalen Anteile, die die Arbeiter und die Nicht
arbeiter am nationalen Produkt erhalten? Er glaubt nachgewiesen zu
haben, daß die Arbeiter beraubt werden; aber wird diese Beraubung ewig
dauern? Strebt im Gegenteil der wirtschaftliche Fortschritt nicht darauf
du, „die Rente“, nämlich das arbeitslose Einkommen, nach und nach zu
verringern, und zwar zugunsten des Lohnes? Bastiat und Carey haben
ues geglaubt. Sie behaupteten, daß der proportionale Anteil des Kapitals
y . rn i Produkt beständig geringer werde, und zwar zugunsten des auf die
Arbei t entfallenden Anteils. Ricardo hatte sich dieselbe Frage vorgelegt
Ur| d war, auf Grund der unvermeidlichen Preissteigerung der Nahrungs-
mittel, zu dem Schluß gekommen, daß der Anteil der Großgrundbesitzer
zuni Nachteil der beiden anderen beständig größer werde. J.-B. Say
hatte sich schon zur Zeit der ersten Ausgaben seines Traite diese Frage
^gelegt, aber ohne sie zu beantworten. Rodbertus nimmt weder die
Losung Bastiat’s, noch die Ricardo’s an. Für ihn ist es sicher, daß der
Proportionale Anteil des Arbeiters am Produkt zugunsten der beiden
änderen sinkt 1 ).
*) »Wenn der Verkehr "in bezug auf die Verteilung des Nationalproduktes sich
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