Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

vervielfältigt.  Öffentliche  Wohlfahrtsbehörden  haben  sich  infolge  der
wachsenden  Konzentration  der  Bevölkerung  in  den  Städten  entwickelt.
Das  Gemeinschaftsleben  greift  immer  mehr  auf  die  Gebiete  des  isolierten
und  zerstreuten  Lebens  von  früher  über;  die  Interessengemeinschaft,  die
sich  früher  auf  die  Grenzen  des  Dorfes  oder  der  Landstadt  beschränkte,
hat  sich  auf  die  der  großen  Städte  und  der  Nation  ausgedehnt.  Zur  gleichen
Zeit  vereinheitlicht  sich  die  Industrie  täglich  mehr  und  schränkt  so  selbsttätig ­
  das  Bereich  der  freien  Konkurrenz  ein.  Auf  dem  Markte  der  Arbeit
wie  auf  dem  der  Produkte,  auf  dem  des  Geldes  wie  auf  dem  der  Waren,
nimmt  die  Konzentration  immer  mehr  den  Platz  der  früheren  Zersplitterung ­
  ein.  Überall  gibt  es  Monopole.  Die  Kollektivunternehmung  hat  aufgehört, ­
  eine  Ausnahme  zu  sein:  sie  wird  immer  mehr  zur  Begeh  Und  die
öffentliche  Meinung  befreundet  sich  ohne  Mühe  mit  dem  Gedanken,  den
Staat,  das  Kollektivwesen  par  excellence,  seinerseits  zur  industriellen
Betätigung  übergehen  zu  sehen.
Wie  konnte  es  unter  solchen  Umständen  ausbleiben,  daß  die  Entwicklung ­
  des  Staatssozialismus  so  groß  wurde,  um  ihm  in  kurzer  Zeit
eine  vorherrschende  Stellung  in  der  öffentlichen  Meinung  zu  verschaffen?
Er  hat  das  große  Verdienst  gehabt,  den  noch  ziemlich  verworrenen
praktischen  Zielen  und  Bestrebungen  einer  neuen  Periode  politischer  und
wirtschaftlicher  Geschichte  Ausdruck  zu  geben,  ohne  doch,  wie  der  Sozialismus, ­
  durch  die  Perspektive  eines  radikalen  Umsturzes  der  Gesellschaft ­
  Schrecken  zu  erregen.  Er  hat  den  Gesetzgebern  und  den  politischen
Schriftstellern  die  notwendigen  Gründe  für  die  neue  Politik,  die  sie  einführen ­
  wollten,  geliefert;  er  hat  einen  Boden  gefunden,  auf  dem  sich  die
verschiedensten  Parteien  und  die  sich  widersprechendsten  Meinungen  zu
gemeinsamer  Arbeit  finden  konnten.  Liegt  hierin  nicht  das  große  Verdienst ­
  einer  Lehre,  die  vor  allen  Dingen  sofortige  Erfolge  erstrebte?
So  hat  durch  eine  vielleicht  merkwürdige,  aber  in  der  Geschichte  der
Ideen  nicht  unerhörte  Wandlung  der  Staatssozialismus  zu  Ende  des  19.
Jahrhunderts  dieselbe  Rolle  gespielt,  die  sein  großer  Gegner,  der  liberale
Optimismus,  während  der  ersten  Hälfte  innegehabt  hatte.  Dessen  großes
Verdienst  war  es  gewesen,  einer  Politik  der  fortschreitenden  Selbständigkeit ­
  und  Freiheit  die  Wege  zu  bereiten,  einer  Politik,  die  für  den  Fortschritt ­
  der  großen  Industrie  unentbehrlich  war.  So  wurde  der  liberale
Optimismus  der  Dolmetscher  der  großen  wirtschaftlichen  Strömungen
seiner  Zeit.  Im  Dienste  dieser  ausschließlichen  Aufgabe  hatte  er  allmählich ­
  alle  wissenschaftliche  Selbständigkeit  und  die  Ausgestaltung  der
ökonomischen  Theorie  vernachlässigt,  namentlich  in  bezug  auf  die  für
jedes  Gedankensystem  unerläßliche  Schärfe  der  Beweisführung.
Auf  dieselbe  Weise  hat  der  Staatssozialismus  allen  denen  als  Banner
gedient,  die  die  Notwendigkeit  begriffen,  die  sozialen  Übelstände  der  bis
zu  ihren  letzten  Grenzen  getriebenen  wirtschaftlichen  Freiheit  einzu-
            
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