Kapitel I. Die Physiokraten.
33
kann, wie es ihm gefällt, ohne Unterschied zwischen Inland und Aus
land, da ja diese natürliche Ordnung Grenzunterschiede nicht kennt x ).
Auch sichert die Freiheit den „richtigen Preis“ (le bon prix).
— Was soll man aber unter diesem Wort verstehen? — Einen
niedrigen Preis? — Ganz und ’gar nicht! „Nur die freie Kon
kurrenz der ausländischen Kaufleute kann den bestmöglichen Preis
sichern, und nur der hohe Preis kann durch die Mühen des Land
wirtes den Wohlstand wie die Bevölkerung eines Königreiches schaffen
und unterhalten“ 2 ). Diese Erwägung scheint verwirrend, weil wir im
Gegenteil daran gewöhnt sind, daß die Freihändler sich mit ihren billigen
Preisen brüsten; man versteht sie aber besser, wenn man sich klar
wacht, daß die Physiokraten sich um die Einfuhr von landwirt
schaftlichen Produkten kaum Sorgen machten. Eine solche war
nämlich damals kaum zu befürchten, so daß der Gedanke des freien
Kornhandels für sie auf die freie Ausfuhr herauskam. Nach Oncken war
von Quesnay gewünschte Handelspolitik diejenige, die England
damals befolgte: Begünstigung der Getreideausfuhr, um den Kurs zu
stützen, und um bei Gelegenheit einer reichen Ernte den richtigen Preis
?? halten, — sowie die Erlaubnis der Einfuhr nur im Falle einer
Hungersnot, um zu große Teuerung zu verhüten 3 ).
b „Man muß die vollständige Handelsfreiheit aufrecht erhalten, denn die für
das Volk und den Staat sicherste, genaueste und vorteilhafteste Regelung des Innen-
ddd Außenhandels besteht in absolut freier Konkurrenz“ (Quesnay, Maximes XXV).
2 )Dialogues, S. 153. „Hohe Preise erzeugen Überfluß, sagte man, d. h.
* e gen zur Produktion an“, und umgekehrt hatte Boisguillebebt gesagt: „Niedrige
Preise gehen der Not voraus.“
_ Ebenso schreibt Mebcier de la RiviAre: „Ein üblicher und beständiger, richtiger
Preis (bon prix) bringt mit Sicherheit Überfluß — und ohne Dreiheit gibt es keinen
richtigen Preis, keinen Überfluß“ (S. 570). Im übrigen begnügt sich Quesnay an
anderer Stelle (Maximes S. 98) zu sagen, daß der freie Kornhandel „den Preis
gleichmäßiger“ gestalten wird.
Auch Tubgot (inseinen Briefen über den Getreidehandel) führt diesen
aweis des längeren aus und versucht sogar, ihm eine arithmetische Gestalt zu
ge en. Das ist unnötig. Es ist eine, allerdings mehr psychologische Wahrheit, daß
I* 11 re gelmäßiger Preis von 20 Pr. besser ist, als ein zwischen 35 und 5 Fr. hin und
r schwankender Preis, obgleich der arithmetische Durchschnitt der gleiche ist.
a ) Ebenda, S. 376. — Es ist der Mühe wert, darauf hinzuweisen, daß die
sieh Konkurrenz ausdrücklich von Quesnay vorausgesehen wurde, was
da g er ^ lc k H ns der bemerkenswertesten Beispiele wissenschaftlicher Vorhersage ist,
Kö an ,r)Höhrt werden kann. „Man könnte,“ sagt er in seinem Aufsatz über die
fürcbt rücllte in der Enzyklopädie, „die Fruchtbarkeit der amerikanischen Kolonien
Weni ’ Un< * ^ as Anwachsen der Landwirtschaft in der Neuen Welt“, aber er geht,
a merfj S 6 ^ S ,P rov 'sorisch, über diese Befürchtung mit dem Hinweis hinweg, daß „das
derbe*“ amscae Getreide weniger gut als das französische sei und auf der Reise ver-
Pbysiokr f Verwe ^ s ® u au ch noch auf das, was wir schon im vorhergehenden über die
G a en a * s Schutzzöllner unter heutigen Verhältnissen gesagt haben.
•md Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen. 2. Aufl. 3