Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

glücklich  seien,  die  sieh  unter  einer  väterlichen  Autorität  Zusammenschlüßen ­
  und  sich  den  Zehn  Geboten  unterwerfen 1 ).  Zugegeben!  Was
versteht  er  aber  unter  „glücklichen  Familien“?  Die,  die  in  Einigkeit
und  Beständigkeit,  im  Vertrauen  auf  Gott  leben.  Er  stellt  daher  ein
gewisses  Kriterium  a  priori  des  Glückes  auf,  aber  nichts  beweist,  daß
die  „unbeständige  und  ungeordnete“  Familie  eines  Arbeiters  der  Vorstädte ­
  von  Paris  sich  nicht  unendlich  viel  glücklicher  gefühlt,  als  die
Wahl-Erbfolge-Familie  der  Melouga  oder  die  patriarchalische  Familie
der  Baschkiren  in  Turkestan.
Man  könnte  glauben,  daß  Le  Play  und  seine  Richtung  der  deutschen
historischen  Schule  verwandt  seien,  sowohl  wegen  der  Bedeutung,  die
sie  der  Methode  der  Beobachtung,  und  des  Gewichtes,  das  sie  den  Einrichtungen ­
  der  Vergangenheit  beimißt,  als  wegen  ihrer  Reaktion  gegen
den  Liberalismus  und  den  klassischen  Optimismus.  Die  Ähnlichkeit
ist  aber  nur  oberflächlich.  Im  Grunde  sind  die  beiden  Schulen  nicht
nur  verschieden,  sondern  sie  streben  auch  verschiedenen  Zielen  zu.  Die
deutsche  Schule  sucht  in  der  Vergangenheit  die  Erklärung  der  Gegenwart:
die  Schule  Le  Play’s  sucht  dort  Lehren.  Die  eine  untersucht  dort  den
Keim  der  späteren  Entwicklung,  während  die  andere  dort  den  Typus,
das  Modell  bewundert,  dem  man  nacheifern  muß.  Die  eine  dient  der
Entwicklung,  die  andere  der  Überlieferung.  Die  erstere  gelangt  zu  sehr
radikalen,  fast  sozialistischen  Schlußfolgerungen;  die  zweite  endet  im
Konservativismus.
Daher  schien  uns  der  richtige  Platz  Le  Play’s  nicht  im  Kapitel
über  die  historische  Schule,  sondern  in  dem  über  die  christlich-sozialen
Doktrinen  zu  sein 2 ).
Seine  grundlegende  Anschauung  von  der  angeborenen  Neigung
des  Menschen  zum  Irrtum  und  zum  Übel  genügt,  um  ihn  zu  klassifizieren.
Trotzdem  darf  diese  Doktrin  nicht  mit  dem  sozialen  Katholizismus  verwechselt ­
  werden,  da  Le  Play  sich  beständig  auf  die  Zehn  Gebote,  die
ein  mosaisches  Gesetz  sind,  beruft,  fortwährend  als  Beispiel  das  protestantische ­
  England  hinstellt  und  ebenso  oft  auf  China  und  die  islami'
tischen  Länder  verweist.  Auf  der  anderen  Seite  räumt  Ln  Play  unter

*)  Mit  einer  gewissen  Naivität  erklärt  er  sogar,  oft  denen  eine  Belohnung  versprochen ­
  zu  haben,  die  ihm  eine  einzige  Familie  nachweisen  könnten,  die  außerhalb
dieser  Bedingungen  glücklich  sei.  „Aber,“  fügt  er  an,  „alle  meine  Bemühungen  sind
erfolglos  geblieben“  (Des  Ouvriers  Europeens,  IV,  Einleitung).
2 )  Wenn  uns  Le  Play  zum  Beispiel  lehrt,  daß  „die  wesentliche  Konstitution'
jeder  Gesellschaft:
zwei  Grundlagen  umfaßt;  die  Zehn  Gebote  und  die  väterliche  Autorität;
zwei  Bindemittel:  Religion  und  Königtum;
drei  Bestandteile,  Gemeinschaft,  Privateigentum  und  Patronatsordnung;  s0
ist  die  Bemerkung  gestattet,  daß  die  sogenannte  Beobachtungsmethode  nicht  einer
starken  Dosis  Dogmatismus  entbehrt.
            
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