Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Ganz  besonders  wurde  die  zunftmäßige  Organisation  an  die  Spitze
des  katholisch-sozialen  Programmes  gestellt 1 ).  Nicht  daß  die  „Familie  ,
aus  der  Le  Play  den  Eckstein  des  sozialen  Gebäudes  machen  wollte,
verworfen  wurde,  aber  man  war  der  Überzeugung,  daß,  wenn  die  Famihe
der  Mittelpunkt  der  moralischen  Reform  bleiben  sollte,  man  als  Basis
einer  wirtschaftlichen  Reform  eine  Assoziation  mit  wirtschaftlichem
Charakter  wählen  müsse.
Zunächst  erregt  dies  einiges  Erstaunen.  Man  versteht  nicht  recht,
welche  verwandten  Beziehungen  der  Berufsverband  mit  dem  Evangelium ­
  haben  kann,  oder  welche  Mittel  ihm  zu  Gebote  stehen,  um  die
Gesellschaft  im  christlichen  Sinne  umzuwandeln.  Man  darf  aber  nicht
übersehen,  daß,  wenn  die  Zunftordnung  nicht  im  Evangelium  steht,
sie  wenigstens  die  ganze  mittelalterliche  Periode  gekennzeichnet  hat,
in  der  die  Herrschaft  der  Kirche  am  festesten  begründet  war.  Solange
diese  Zunftordnung  gedauert  hat,  gab  es  das  nicht,  was  man  heute  soziale
Frage  nennt,  so  daß  man  auf  den  Gedanken  kommen  kann,  sie  habe  in
sich  selbst  die  notwendigen  Tugenden  gehabt,  um  den  Frieden  zwischen
Kapital  und  Arbeit  aufrecht  zu  erhalten.  Es  scheint  freilich  nicht,  daß
die  Gewerkschaft  heute  schon  diese  Rolle  spielt,  aber  vielleicht  würde
es  genügen,  den  Berufsverband  wieder  unter  die  Herrschaft  des  religiösen
Geistes  zu  beugen,  um  die  gleichen  Tugenden  wieder  zu  beleben,  die  ihn
auszeichneten,  als  Zunft  und  religiöse  Bruderschaft  noch  eins  waren.
Es  handelt  sich  aber  keineswegs  darum,  wie  die  Gegner  des  sozialen
Katholizismus  sagen,  die  mit  diesem  billigen  Argument  Mißbrauch  treiben,
die  Zunft-  und  Brüderschaftsordnung  des  Mittelalters  wieder  einzuführen-Die
  sozialen  Katholiken  wollen  sich  geradezu  auf  die  moderne  Gewerkschaft, ­
  auf  das  Gewerkschaftswesen  stützen;  und  der  Beweis,  daß  dies
keine  zu  schmale  Basis  ist,  um  darauf  eine  neue  Gesellschaft  zu  errichten,
liegt  darin,  daß  die  Neo-Sozialisten,  die  erst  viel  später  darauf  gekommen
sind,  ebenfalls  keine  andere  haben  wollen.  Sie  erwarten  von  ihr  sogm
nicht  nur  eine  neue  Gesellschaft,  sondern  auch  eine  neue  Moral  (siehe
oben  S.  527).  Man  kann  daher  sagen,  daß  die  sozial-katholische  Politik)

J )  „Wir  müssen  alle  unsere  individuellen  Bestrebungen  und  alle  unsere  öffenV
liehe  Forderungen  lenken  und  richten  auf  die  grundlegende  Reform:  D  1  \
KORPORATIVE  REORGANISATION  DER  GESELLSCHAFT,

(Programm  des  CEuvre  des  cercles  ouvriers  April,  1894).
Die  kooperative  Arbeitergenossenschaft  wird  daher  beiseite  geschoben.  Die  sozialkatholischen
  Schulen  zeigen  sich  ihr  recht  wenig  sympathisch,  und  noch  weniger,  wen®
sie  sich  unter  der  Form  des  kooperativen  Konsumvereins  darstellt.  Es  beruht  dies
darauf,  daß  sie  hauptsächlich  eine  Gefahr  für  die  Klasse  der  kleinen  Krämer  und  kleinen
Handwerker  ist,  die  der  katholischen  Schule  besonders  am  Herzen  liegt.  Im  Gegensatz
dazu  ist  daher  die  katholische  Schule  der  Kreditgenossenschaft  sehr  günstig,  weil  sie
hauptsächlich  den  Mittelklassen,  den  kleinen  Krämern  und  kleinen  Handwerkern
zugute  kommt.
            
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