596
.Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.
es ist, eher einen Lichtstrahl auf irgendeinen Einzelpunkt der unabsehbar
großen wirtschaftlichen Welt zu werfen, als sie in ihren unendlichen
Verwicklungen darzustellen 1 ).“
Kapitel II.
Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen.
In der allgemeinen Erneuerung der klassischen Theorien, wie sie uns
das Studium der modernen Hedonisten gezeigt hat, muß eine besonders
hervorgehoben werden. Es ist dies die Theorie der Bodenrente. Hat
sie doch in den Arbeiten der Nationalökonomen, besonders während des
letzten Drittels des 19. Jahrhunderts, viel Raum eingenommen. Ihre
Ausgestaltung hat sowohl theoretische, wie praktische Bedeutung.
Theoretische Bedeutung: — denn der wirtschaftliche Begriff der
Rente, der in Hinsicht auf eine besondere Tatsache, das Einkommen der
Grundbesitzer, geschaffen worden ist, zeigte sich der verschiedensten An
wendungen fähig und erleuchtet mehr als eine dunkle Stelle des Wirtschafts
lebens. Unter anderen schien er besonders geeignet, eine Klasse von
Einkünften zu erklären, von denen wir bisher noch keine Gelegenheit
hatten, zu sprechen: es ist dies der Unternehmergewinn als von dem
Kapitalzins wohl unterschiedenes Einkommen.
Praktische Bedeutung: — denn die Bodenrente ist vor allem Anderen
ein „nicht erworbenes Einkommen“, ein unearned increment, mit
anderen Worten ein Einkommen, das sich durch keine Arbeit rechtfertigt.
Man ahnt daher sofort die sozialen Theorien, die sich auf diese Feststellung
aufbauen lassen. Alle Systeme der Nationalisierung des Bodens, alle Pro
jekte der Sozialisation der Rente beruhen auf der Theorie Ricardo’s,
und diese Systeme sind sehr zahlreich.
Wir beabsichtigen, in diesem Kapitel die Theorie der Bodenrente
in dieser doppelten Hinsicht zu untersuchen. Zuerst wollen wir die Aus
gestaltung studieren, die sie durch die Ökonomisten erhalten hat, nämlich
als wissenschaftliche Theorie und Hilfsmittel zur Erklärung der Tatsachen;
und zweitens ihre Anwendung zu Vorschlägen wirtschaftlicher Reform.
*) Übrigens sind die Hedonisten durchaus nicht in die Anwendung der mathe
matischen oder abstrakten Methode verrannt, und verkennen keineswegs die Be
rechtigung des Gebrauches der historischen oder sogar der biologischen Methode. Nur
können die Anderen nicht Anspruch darauf erheben, eine exakte Wissenschaft zu
schaffen. Professor Marshall erklärt ausdrücklich, die biologische Methode vorzuziehen,
und die Verwendung von Diagrammen und Kurven als Darstellung der wirtschaftlichen
Tatsachen so viel wie möglich zu vermeiden (Economic Journal, März, 1898, S. 50)-