Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. 597 
Unser Zweck ist hauptsächlich, die Kenntnis der neueren Theorien zu 
vermitteln. Wir werden jedoch gezwungen sein, auch öfters auf ältere 
Theorien zurückzugreifen, und müssen bis zu Stuart Mill und sogar bis 
zu Ricardo zurückgehen; dies ist der einzige Weg, der zum Verständnis 
der Entwicklung der Gedanken führen kann. 
§ 1. Die theoretische Ausweitung des Rentenbegriffes. 
Wir haben in einem vorhergehenden Kapitel die von Carey und 
Bastiat gemachten erfolglosen Versuche betrachtet, die bezweckten, 
die Rententheorie Ricardo’s zu erschüttern. Sicherlich forderte diese 
Theorie zur Kritik heraus, aber ihre Gegner gingen in ihrer Widerlegung 
soweit, daß sie sogar die Tatsache des Bodenwertes an und für sich 
leugneten. 
Diese Übertreibung wurde recht drastisch durch eine der charak 
teristischen Tatsachen des 19. Jahrhunderts widerlegt: durch das Steigen 
der Bodenpreise in den großen Städten. Das vergangene Jahrhundert 
war das Jahrhundert der Großstädte. Kein anderer Zeitabschnitt weist 
eine gleiche Blüte der städtischen Mittelpunkte auf. England, die Ver 
einigten Staaten, Deutschland und in geringerem Grade auch Frankreich 
haben an dieser Entwicklung teil. Diese rapide Zusammenhäufung der 
Bevölkerung auf beschränktem Raume hat als Folge gehabt, dem Boden 
unerhörte Mehrwerte zu geben. In Chicago ist die Geschichte jenes viertel 
Ackers berühmt, der 1830 für 20 Dollar gekauft wurde, damals, als die 
Bevölkerung noch nicht 50 Einwohner überschritt, und 1836 25 000 Dollar 
wert war, um nach der Weltausstellung von 1894 den Preis von 1 250 000 
Dollar zu erzielen. In London schätzt man die Steigerung der an die 
Grundbesitzer gezahlten Pachtsummen auf 7 700 000 Pfund Sterling für 
den Zeitraum von 1870—1895 und zwar nur für die Miete des nackten 
Bodens. Der Hyde Park, der 1652 von dem Unterhaus für 425 000 Fr. 
gekauft worden war, stellt heute einen Wert von über 200 Millionen Fr. 
dar. In Paris führt d’Avenel ein dem Krankenhause „Hotel-Dieu“ 
gehörendes Gelände an, das 1775 6,40 Fr. für den Quadratmeter kostete 
und heute 1000 Fr. der Quadratmeter wert ist 1 ); Leroy-Beaulieu er 
wähnt ein im Stadtteil des Are de Triomphe gelegenes Stück Land, dessen 
Wert von 1881—1904, also in 23 Jahren von 400 auf 800 Fr. der Quadrat- 
9 Wir entlehnen diese Mitteilungen der sehr gehaltvollen Broschüre Einaudi’s • 
Pa . n ? unici P ali sati°n du sol dans les grandes villes, 1898 (Giardund Briäre 
rtio ’ Auszu S aus dem Devenir Social. Vgl. die interessante Marxistische Revue 
s |V Untcr .der Leitung Alfred Bonnet’s von 1892 bis 1898 bei Giard und Briere er-
	        
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