Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  III.  Die  Solidaristen.

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Auch  auf  dem  Lande  wird  die  Solidarität  gepredigt,  und  obgleich
sie  hier  an  dem  ganz  besonders  individualistischen  Charakter  des  Bauern
Widerstand  findet,  beginnt  sie  doch,  sich  in  der  Form  zahlloser  Genossenschaften ­
  verschiedener  Art  zu  verwirklichen  —  unter  denen  die  des  gegenseitigen ­
  Kredites  die  interessantesten  sind,  weil  ihr  bezeichnendster  Zug
gerade  darin  liegt,  ihren  Mitgliedern  die  Haftung  „in  solidum“  für  alle
Schulden  der  Genossenschaft  aufzuerlegen 1 ).  Haftbarkeit  Aller  für  die
Verpflichtung  jedes  Einzelnen:  das  ist  die  goldene  Regel,  der  die  bäuerlichen ­
  Kreditgenossenschaften  nach  Raiffeisen  ihren  wunderbaren
Erfolg  verdankt.
Die  praktischen  Folgen  der  solidaristischen  Idee  sind  übrigens  bei
weitem  noch  nicht  erschöpft.  Sie  können  hauptsächlich  in  der  Form
einschneidender  Veränderungen  in  der  Auffassung  und  den  Eigenschaften
des  Besitzrechtes  in  Erscheinung  treten.  Die  alte  Formel,  „der  Besitz,
eine  soziale  Funktion“,  die  sieh  in  dem  streng  individualistischen  Eigentum, ­
  dem  dominium  ex  jure  quiritum  gegenüberstellte,  bis  heute
jedoch  nur  eine  Metapher  geblieben  ist,  kann,  dank  der  Solidarität,  zur
Wirklichkeit  werden.  Da  das  Eigentum  immer  ausgesprochener  als  das
Ergebnis  anonymer  Kooperation  erscheint,  eines  Zusammentreffens  von
Ursachen,  die  zum  guten  Teil  unpersönlich  sind,  strebt  es  darauf  hin,
sich,  wenn  auch  nicht  in  der  kollektivistischen  Sozialisation  zu  verflüchtigen, ­
  so  doch  zum  wenigsten  den  kollektiven  Endzielen  mehr  und
mehr  anzupassen.  Ein  französischer  Philosoph,  Alfred  FoüilliejD),
hat  diese  Seite  des  gesellschaftlichen  Miteigentums,  die  mit  allem  individuellen ­
  Besitz  unlösbar  verknüpft  ist,  besonders  nachdrucksvoll
herausgearbeitet.
Dieser  Einfluß  des  Solidarismus  auf  das  Recht  hat  eine  ganze  Bewegung ­
  geschaffen,  der  von  einigen  der  Name  Rechts  Sozialismus
die  sein,  die  an  die  Zukunft  und  die  Entwicklung  der  kleinen  selbständigen  Produktion
glauben.  Ihnen  erwidern  wir,  daß  die  einzige  Möglichkeit,  die  sie  haben,  ihr  Ideal  verwirklicht ­
  zu  sehen,  das  auch  das  Ideal  eines  Teiles  der  Kooperativisten  ist,  in  der  Organisation ­
  von  Produktivgenossenschaften  unter  der  Kontrolle  und  mit  der  Hilfe  von
Konsumgenossenschaften  besteht.  In  der  Tat  ist  die  Herrschaft  der  Konsumgenossenschaft, ­
  auch  wenn  sie  unter  der  föderalistischen  Form  verallgemeinert  ist,  nicht  mit
dem  Bestände  einer  gewissen  selbständigen  Produktion  unvereinbar,  und  zwar  auf
Grund  verschiedener  Möglichkeiten,  deren  Darlegung  an  dieser  Stelle  unnötig  ist.
*)  In  Frankreich  ist  diese  Regel  der  Solidarität  zuerst  nur  in  den  Gruppen  der
katholischen  Kreditgenossenschaften,  die  den  Namen  „Union  Durand“  tragen,  zur
Anwendung  gelangt;  obgleich  sie  heute  auch  Von  anderen  als  diesen  Genossenschaften
a usgeübt  wird,  ist  sie  doch  noch  die  Ausnahme,  während  die  gleiche  Regel  in  20000
deutschen  Genossenschaften  und  sogar  in  italienischen,  schweizer  usw.  Genossenschaften
stets  befolgt  wird,  —  ein  weiterer  Beweis,  daß,  wenn  auch  der  Gedanke  der  Solidarität
hauptsächlich  französischen  Ursprungs  ist,  man  doch  seine  Anwendung  in  anderen
bändern  suchen  muß.
2 )  La  Propriötü  sociale  et  la  Democratie.
            
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