Kapitel III. Die Solidaristen.
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die solidaristisehen Lehren keineswegs überall sympathische Aufnahme
gefunden. Sie riefen im Gegenteil sehr lebhafte Kritiken hervor, und
zwar zunächst von seiten der liberalen volkswirtschaftlichen Schule.
Zwar leugnet oder tadelt sie das Gesetz der Solidarität durchaus
nicht, da sie es sich im Gegenteil zur Ehre anrechnet, es unter den Formen
der Arbeitsteilung und des Güteraustausches entdeckt und seine groß
artigen Wirkungen nachgewiesen zu haben. (Siehe oben Bastiat, S.374f.)
Sie beschränkt es aber auf diese wirtschaftliche Solidarität, die ihr
genügend erscheint, und die sie für die beste hält, die man sich vorstellen
kann, auch wenn es von uns abhänge, sie neu zu organisieren. Selbst
der ausschweifendste Traum kann nichts Besseres schaffen, als eine Ord
nung, die auf Grund der Teilung der Funktionen tagtäglich für alle Menschen
die Reziprozität der geleisteten Dienste verwirklicht, wie Bastiat sagt,
die Fabel vom Blinden und Lahmen ins Leben überträgt:
„Ich werde für dich gehen, und du wirst für mich sehen.“
Es genügt, sagt die liberale Schule, die Dinge gehen zu lassen, um,
unter dem Druck der Konkurrenz, den Grundsatz „Einer für Alle“ zu
verwirklichen: liegt es denn nicht im Interesse eines jeden Produzenten,
die Bedürfnisse, den Geschmack, die Phantasien des Marktes in Betracht
zu ziehen und sich zu bemühen, sie, so gut er kann, zu befriedigen? Wenn
er anders handelt, so geht er zugrunde. Ihn zwingt also, und zwar mit
viel größerer Kraft als eine sittliche Pflicht es tun könnte, die berufliche
Notwendigkeit selbst zum Altruismus, — denn was ist Altruismus anders
als die beständige Sorge, den Bedürfnissen Anderer zu genügen oder sogar
für Andere zu leben 1 ). Solidarität besteht aber nicht nur zwischen Pro
duzenten und Verbrauchern, sondern auch zwischen Kapital und Arbeit.
Kann doch keiner dieser beiden Faktoren für sich allein produzieren,
und ist doch ihr Interesse das gleiche, nämlich: daß die zwischen ihnen
zu verteilende Menge so groß wie möglich sei. Ebenso besteht aber auch
zwischen Nationen Solidarität, da eine jede um so mehr Aussicht hat,
Absatzmärkte für ihre Produkte zu finden, je reicher die anderen Länder
sind, usw.
Auch sind alle diese Solidaritäten in Übereinstimmung mit der
Gerechtigkeit, da ein jeder den Gegenwert dessen, das er liefert, erhält.
Und was will denn nun der Solidarismus dieser bewunderungswürdigen, i)
i) „Der Produzent sorgt sich jeden Augenblick um ihr Wohlsein (das seiner
Kunden)... sein Gefühl umfaßt die ganze Menschheit... der Kaufmann, der Spediteur
sind auf der Suche nach dem, was den Leuten, für die sie arbeiten, am besten Zusagen
könne, durch welche Kombinationen sie neue Kunden finden, d. h. immer mehr Personen
Dienste leisten können.“ Diese Zeilen, von denen man glauben könnte, daß Bastiat
sie geschrieben habe, sind einem merkwürdigen kleinen Buche von Yves Guyot ent
nommen: La Morale de la Concurrence.