Kapitel III. Die Solidaristen.
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Freilich kann die Solidarität nicht aus sich selbst ein Prinzip de3
moralischen Handelns liefern, da sie nur eine natürliche Tatsache und '
als solche durchaus amoralisch ist. Es sind keine Beweise nötig, um dar
zutun, daß jedesmal, wenn wir die Solidarität als ein Übel verurteilen,
dieser Verurteilung die Tatsache zugrunde liegt, daß wir unser Kriterium
des Bösen und Guten von Außen her nehmen. Ebenso wenig unterliegt
es einem Zweifel, daß die Tatsache der Solidarität zugunsten des Egoismus
ausgebeutet werden kann. Wenn die Solidaiität nur ein Band ist, das
uns verbindet, so ist es sehr leicht möglich, daß irgend jemand sich seiner
bediene, um sich mühelos in die Höhe ziehen zu lassen, während ein
anderer es gebraucht, um Andere in die Höhe zu ziehen. Wenn man hier
gegen nicht auf der Hut ist, werden sogar wahrscheinlich die Ersteren
die zahlreicheren sein. Hierin liegt kein Grund zum Erstaunen, denn
alles das, was zur Ausbreitung der Macht des Guten dient, dient ebenso
zur Ausbreitung der Macht des Bösen. Aber nichtsdestoweniger muß
man doch das Kommen dieser neuen Mächte herbeisehnen, in der Hoff
nung, daß das Gute zum Schluß den Sieg über das Böse davon tragen
wird. Wenn es also auch feststeht, daß die Solidarität nicht genügt, um
aus sich selbst ein Prinzip moralischer Lebensführung denen zu liefern,
die sonst kein solches besitzen, so ist doch nicht zu leugnen, daß sie, sobald
irgendein solches Prinzip, gleichgültig ob Egoismus oder Altruismus,
anerkannt ist, einen Hebel von unvergleichlicher Kraft in seinen Dienst
stellt. In ihr liegen drei große Lehren beschlossen:
1. Sie lehrt uns, daß jedes Gute, das einem Anderen zufällt, zu
unserem eigenen Wohl beiträgt, und daß alles Übel, das einem Anderen
zustößt, unser eigenes Übel werden kann; daß wir daher das Eine
wollen und das Andere hassen müssen. Ein feiges Beiseitestehen ist dann
nicht mehr möglich.
Auch wenn wir zugeben, daß in dieser Morallehre ein guter Teil
Utilitarismus enthalten ist, so ist es immer etwas, den Egoisten dazu
zu zwingen, aus sich herauszugehen und sich um Andere zu sorgen. Das
Herz, das einmal für Andere geschlagen hat, sei es auch nur aus egoistischer 2^
Durcht, ist doch etwas weiter geworden. Auch ist es sicherlich zu viel •
verlangt, wenn man einen Altruismus will, der ganz und gar seiner
selbst vergißt; sagt doch sogar das Evangelium: „Du sollst Deinen Nächsten
lieben, wie Dich selbst.“ Das Gleiche sagt auch die Solidarität, weder
mehr noch weniger: nur weist sie nach, daß mein Nächster in Wirklich
keit mein eigenes Selbst vorstellt.
2. Sie lehrt uns, daß unsere Handlungen sich um uns bis ins Un-
midliche in Wellen dei Freude oder des Leidens fortpflanzen, und drückt
So auch der geringsten unter ihnen einen ernsten, fast majestätischen
Charakter auf, der eine hohe moralische Erziehung begünstigt. Sie gibt
u ns auf, Seelen zu hüten. Und ebenso, wie wir auf Grund des Vorher-