716
Schlußwort.
Reich errichtet und lebt ihr eigenes Leben; — die Bevölkerungstheorie hat
sich zu einer besonderen Wissenschaft: der Demographie erweitert; —
"Ldie Steuertheorie hat den Namen Finanzwissenschaft angenommen; —
* die Statistik hat ihre besonderen Methoden und steht mit allen anderen
Zweigen in enger Berührung; — die Beschreibung des Mechanismus des
Handels und der Industrie, der Banken und Börsen, die Aufzählung der
Formen der Industrie, das Studium ihrer Umwandlungen, sind für die
Volkswirtschaft das, was die beschreibende Zoologie und Botanik und die
Morphologie für die Naturwissenschaft bedeuten. Obgleich nicht immer
besondere Namen jede einzelne dieser Disziplinen bezeichnen, sind sie
doch in Wirklichkeit ebenso viele Spezialwissenschaften, deren Bezie
hungen und tief liegende Einheit nicht immer leicht zu entdecken sind.
Auf einem Gebiete jedoch bleiben nicht nur die Unterschiede, son
dern auch die Kämpfe bestehen, und werden auch aller Wahrscheinlichkeit
nach niemals aufhören: auf dem Gebiet der wirtschaftlichen und
sozialen Politik.
Während sich zwischen den Nationalökonomen allmählich eine ge
meinsame wissenschaftliche Grundlage herausbildet, sind die Meinungs
verschiedenheiten über die in der wirtschaftlichen Politik zu verfolgenden
Zwecke und anzuwendenden Mittel heute nicht weniger lebhaft, als früher.
Alle die großen, in diesem Buche dargestellten Lehrmeinungen haben auch
heute noch ihre Vertreter. Liberale, Sozialisten, Interventionisten, Staats
sozialisten und christliche Sozialisten fahren fort, sich ihre Ideale und
ihre praktischen Methoden entgegen zu halten. Wird sie nun die Wissen
schaft zusammenführen? Sicherlich nicht, denn die Gründe, auf die sie
sich stützen, stammen zu einem guten Teil aus anderen Quellen als der
Wissenschaft. Religiöser Glaube und Moralanschauungen, politische und
soziale Überzeugungen, individuelle Gefühle und Neigungen, bis zu per
sönlichen Interessen und Erfahrungen spielen hier ihre Rolle und tragen
dazu bei, den Standpunkt eines Jeden zu bestimmen. In der ersten Hälfte
des 19. Jahrhunderts hatte die Wissenschaft einen Bund mit einer be
sonderen Lehre, dem Liberalismus, geschlossen. Dieser Bund wurde ihr
verderblich. Mit dem Tage, an dem der Verdacht aufsteigen konnte, als
ob die wissenschaftlichen Theorien nichts Anderes seien als Plaidoyers
von Klassenadvokaten zugunsten einer besonderen Politik, büßten sie
einen großen Teil ihres Ansehens ein. Doch diese Erfahrung ist nicht
verloren gegangen, und nichts wäre für die Entwicklung unserer Wissen
schaft gefährlicher, als sie von Neuem unter die Botmäßigkeit irgendeiner
Schule zu stellen. Wohl kann die Wissenschaft der Wirtschaftspolitik
eine kostbare Stütze liefern, indem sie ihr gestattet, die wahrscheinlichen
Ergebnisse dieser oder jener Maßnahme vorauszusehen, und man muß
hoffen, daß ihre Voraussagen, die heute noch allzuoft recht unsicher sind,