Kapitel I. Die Physiokraten.
55
höheren Auffassung des Tausches führen als die Physiokraten sie hatten.
Da der Wert nur in der Befriedigung eines Bedürfnisses liegt, so schafft
der Austausch, der gleichzeitig zwei Bedürfnisse befriedigt, zwei Werte.
Das Bezeichnende des Austausches besteht ja gerade darin, daß jede der
beiden Parteien das, woran sie Überfluß hat, gegen das, was ihr fehlt,
eintauscht; das aber, was sie im Überfluß hat, ist für sie ohne Nutzen
und daher ohne Wert, während das, was ihr fehlt, für sie einen großen
Nutzen und folglich einen großen Wert vorstellt. Jeder erscheint daher
am Markt mit einer ihm nutzlosen Sache und verläßt ihn mit einer nütz
lichen 1 ). Folglich ist die Behauptung der Physiokraten, daß der Tausch
niemanden Nutzen bringt, oder zum mindesten, daß der Gewinn des einen
den Verlust des anderen bedeutet, vollkommen falsch. Wohl versuchen
die Physiokraten und besonders Le Tkosne eine Erwiderung, aber infolge
der Gründe, die wir oben gegeben haben (Sl 52), konnten sie nicht zu
einem Verständnis dieses subjektiven Charakters des Wertes gelangen.
Diese Theorie sollte noch einen anderen Grundirrtum der Physio
kraten berichtigen und die Wissenschaft einen weiteren großen Schritt
vorwärts bringen, indem sie eine Erklärung der Produktion gab. Wenn
der Wert nur im Nutzen, und der Nutzen selbst nur in einer bestimmten
Beziehung zwischen den Dingen und unseren Bedürfnissen besteht: was
Beißt erzeugen dann anderes, als diese Beziehung zwischen den Dingen
und unseren Bedürfnissen schaffen ? Stellt nun aber die Natur, der Boden
diese Beziehung her? — Sehr selten. „Sie bringt hauptsächlich Dinge
hervor, die für uns nutzlos sind und von denen wir keinen Gebrauch
Aachen können. (Eine gedankenvolle Bemerkung, die den Enthusiasmus
der Physiokraten für die alma parens stark hätte abkühlen müssen I)
Durch die menschliche Arbeit erhalten die Dinge erst Formen, die sie
nützlich machen. — Erzeugen bedeutet: Stoff umformen 8 ).“ Welcher
Unterschied besteht dann aber zwischen der landwirtschaftlichen und
industriellen Produktion ? Keiner. Die eine wie die andere formt nur das,
Was besteht, um 3 ).
Weiterhin führt Condillac sehr gut aus, daß, gerade so wie die
Industriearbeiter und die Grundeigentümer von den Landwirten abhängig
b i,Die Annahme, daß man stets Wert gegen Wert tauscht, ist falsch. Im Gegen-
jeder der Tauschenden gibt stets etwas Geringeres für etwas Mehrwertiges. —
Der Vorteil ist gegenseitig, woher es wohl kommt, daß man von einem Tausch „Wert
«egen Wert“ spricht. Man ist aber wenig folgerichtig vorgegangen, denn gerade deshalb,
Veil der Vorteil gegenseitig ist, hätte man schließen müssen, daß jeder weniger für
©ehr gibt“ (Op. cit. S. 55/56). Man vergleiche dieses Zitat mit dem von Le Trosne
'k- 30, Anm. 2), und man wird die psychologische Überlegenheit bemerken.
■) Op. cit. I. Teil, Kap. IX.
3 ) „Wenn die Erde mit Erzeugnissen bedeckt sein wird, so wird es doch nicht
® e hr Substanz als vorher geben; sie hat nur neue Formen, und in diesen Formen
es teht eben der ganze Reichtum der Natur*- (Op. cit., ibid.).