Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Zeugnis  ihrer  eigenen  Arbeit  so  viel  Anteil  haben,  um  selbst  erträglich
■wohnen,  sich  Meiden  und  nähren  zu  können“ 1 ).
Handelt  es  sich  dagegen  um  große  Gewinne,  dann  ändert  Smith  den
Ton.  Er  ist  der  Meinung,  daß  sie  den  Preis  der  Lebensmittel  viel  mehr  als
hohe  Löhne  in  die  Höhe  treiben,  und  er  apostrophiert  die  Kapitalisten
in  folgender  ironischer  Auslassung:  „Unsere  Kaufleute  und  Fabrikherren
klagen  sehr  über  die  schlechten  Wirkungen  des  hohen  Lohnes,  der  den
Preis  ihrer  Güter  hinauftreibt  und  dadurch  den  Verkauf  derselben  im  Inund
  Auslande  verringert;  sie  sagen  aber  nichts  von  den  schlechten  Wirkungen ­
  des  hohen  Gewinnes;  indem  sie  von  den  verderblichen  Folgen  des
Vorteils,  den  sie  selbst  ziehen,  schweigen,  klagen  sie  desto  lauter  über  die
Vorteile  anderer  Leute“ 2 ).  Der  Unterschied  ist  bezeichnend,  vielleicht  ist
er  noch  stärker  in  dem  Satze,  den  man  eigentümlicherweise  nur  selten
von  den  Urhebern  der  Arbeitsgesetzgebung  angeführt  sieht:  „So  oft  die
Gesetzgebung  sich  dazu  herläßt,  die  Differenzen  zwischen  den  Meistern
und  ihren  Arbeitern  auszugleichen,  sind  immer  die  Meister  ihre  Ratgeber.
Fällt  die  Bestimmung  zugunsten  der  Arbeiter  aus,  so  ist  sie  immer  gerecht
und  billig;  wird  sie  aber  zugunsten  der  Meister  gegeben,  so  ist  sie  das
manchmal  nicht“ 3 ).
Dies  war  durchaus  nicht  der  Ton  der  Mehrzahl  der  Schriftsteller
seiner  Zeit;  es  war  durchaus  nicht  der  Ton,  den  50  Jahre  später  die  patentierten ­
  Verteidiger  des  Industriesystems,  die  Mac  Culloch,  Ure,  Babbage
anschlugen.  Man  fühlt  bei  ihm  eher  den  Hauch  jenes  warmherzigen  Mitleids, ­
  das  später  einen  Lord  Shaftesbury  oder  einen  Macaulay  beseelte,
die  die  Urheber  der  Fabrikgesetzgebung  in  England  waren.
Smith  ist  daher  nicht  ein  Vorläufer  des  entstehenden  Industrialismus.
Mit  allen  Fibern  seines  Wesens  hängt  er  im  Gegenteil  an  der  Landwirtschaft ­
  und  versäumt  keine  Gelegenheit  seine  Vorliebe  zu  zeigen.  Die  Landwirtschaft ­
  ist  eine  viel  schwierigere  Beschäftigung  als  irgendein  indu-'
strielles  Unternehmen:  „und  doch  gibt  es  nächst  den  schönen  Künsten
und  freien  Berufsarten  vielleicht  kein  Gewerbe,  das  eine  solche  Mannigfaltigkeit ­
  von  Kenntnissen  und  Erfahrungen  voraussetzt“ 4 )  —  sie  ist
nicht,  nur  schwieriger,  sondern  sie  ist  auch  nützlicher.  Er  zieht  zwischen
der  Landwirtschaft,  den  Manufakturunternehmungen  und  dem  Handel
einen  langen  Vergleich  (auf  den  wir  zurückkommen  werden),  und  aus  dem
sich  ergibt,  daß  für  die  Kapitalien  eines  Landes  die  Landwirtschaft  unter
allen  Verwendungsarten  die  vorteilhafteste  ist,  die  am  meisten  mit  den
allgemeinen  Interessen  übereinstimmt.

0  Völkerreichtum  I,  S.  44—45,  B.  I,  Kap.  VIII.
2 )  Völkerreichtum  I,  S.  56,  B.  I,  Kap.  IX  am  Ende.
3 )  Völkerreichtum  I,  S.  83,  B.  I,  Kap.  X,  Teil  2.
4 )  Völkerreichtum  I,  S  74,  B.  I,  Kap.  X,  Teil.  2.  Die  ganze  Stelle  ist  in  ihrem
Lob  der  Grundbesitzer  und  Pächter  merkwürdig.
            
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