männliche und weibliche ist ein künstlicher und willkür
licher, um nichts rationeller und wissenschaftlicher, als
etwa ein Versuch wäre, einen Jungen nach der Farbe sei
ner Augen oder der Form und Stärke seiner Beine zum
Astronomen oder Kupferstecher zu bestimmen. Jene phy
sischen Verschiedenheiten innerhalb der Menschheit, welche
Rassen und Nationen trennen — nicht bloß die Rassen
unterschiede zwischen Juden und Schweden oder Japaner
und Engländer, die doch unendlich größer sind, als je der
Gegensatz zwischen Mann und Frau derselben Rasse, son
dern auch die feinen Abweichungen, die nah verwandte
Rassen, wie Engländer und Deutsche unterscheiden —
scheinen oft mit subtilen Verschiedenheiten in der geistigen
Veranlagung verbunden zu sein. Aber selbst in bezug auf
diese Unterschiede ist es fast unmöglich, wissenschaftlich
festzustellen, inwiefern sie das Resultat von nationalen
Traditionen, Umgebung und Erziehung, und inwiefern das
Resultat organischer Gestaltung sind.*
Kein Studium der bloßen physischen Verschiedenheiten
zwischen Individuen oder Rassen würde uns Kenntnisse
über ihre geistige Veranlagung verschafft haben, noch kann
* In bezug auf die körperlichen Geschlechtsunterschiede muß sich der
zivilisierte Mensch der modernen Welt immer davor hüten, sich unbewußt
durch die sehr übertriebenen äußern Geschlechtsunterscheidungen irre
führen zu lassen, welche unsere unnatürliche Art der Kleidung und der
Haartracht mit sich bringt. Im unbekleideten natürlichen Zustand ist der
Körper von Mann und Weib nicht stärker von einander unterschieden,
als der von Löwe und Löwin. Unsere angelsächsischen Altvordern mit
ihren großen, fast nackten weißen Körpern und den langen fliegenden
Haaren, die beide Geschlechter trugen, unterschieden sich wenig von ein
ander, während bei ihren modernen Abkömmlingen, der kurzhaarige, dun
kel gekleidete, offenkundig zweibeinige Mann von der gewöhnlich lang
haarigen, farbig herausgeputzten, mit vielen Röcken angetanen Frau voll
ständig verschieden ist. Wären die organischen Verschiedenheiten zwi
schen Mann und Frau nur halb so auffallend als die augenfälligen künst
lichen, so wären sie nicht nur größer als alle Unterschiede zwischen einer
Menschenrasse und der anderen, sondern so groß wie die zwischen ver
schiedenen Ordnungen der Tierwelt. Nur ein besonders analytischer,
ängstlich scheidender Verstand wird sich durch die gewohnten äugen-