Full text : Die Frau und die Arbeit

136

weiß,  daß  der  weniger  Tüchtige  nicht  an  den  Platz  des
Tüchtigeren  gestellt  werde  und  daß  keine  künstliche
Schranke  je  die  Tätigkeit  der  einzelnen  Individuen,  die  wir
Frauen  zur  Welt  bringen,  einenge.
Aber  man  wird  uns  vielleicht  weiter  einwenden:  Wie,
wenn  alle  eure  Träume  und  Hoffnungen  für  die  Frau  und
die  Zukunft  des  Menschengeschlechtes  Luftschlösser  wären? ­
  Wenn,  so  wünschenswert  es  auch  sein  möge,  die
Frauen  nicht  ausschließlich  auf  ihre  Geschlechtsfunktion
angewiesen  wären  und  auch  in  Zukunft  an  produktiver
Tätigkeit  wenigstens  ebensoviel  Teil  hätten  wie  in  der  Vergangenheit ­
  —  wie,  wenn  die  Frau  nicht  imstande  ist,
denselben  großen  Teil  der  komplizierten  und  hauptsächlich
geistigen  Arbeit  der  Zukunft  zu  leisten,  den  sie  an  der
größtenteils  physischen  Arbeit  der  Vergangenheit  leistete?
Wie,  wenn  sie  trotz  aller  ihrer  Anstrengungen  und  Opfer
zur  Erreichung  des  Zieles,  eben  jetzt,  da  die  Arbeit  der  zivilisierten ­
  Gesellschaft  eine  mehr  geistige  als  mechanische
wird,  nicht  ausreicht  ?
In  den  Gebirgsteilen  der  Schweiz  begegnet  der  Reisende
manchmal  einer  einsam  die  Bergfelder  hinanklimmenden
Frauengestalt,  die  auf  ihren  breiten  Schultern  eine  gewaltige ­
  Ladung  Futter  für  das  Vieh  oder  Dünger  für  das  Feld
trägt.  Fest  und  unerschrocken  blicken  die  Augen  unter  der
tiefgefurchten  Stirn  euch  entgegen,  und  ein  Haarsträhn,
der  vielleicht  so  weiß  leuchtet  wie  der  Schnee  auf  den  Gipfeln, ­
  sieht  unter  dem  Rand  des  Kopftuches  hervor.  Das
durchfurchte  verbrannte  Antlitz  trägt  die  tiefen  Spuren
von  Arbeit  und  Leiden,  wie  die  Berglehne  die  Spuren  von
Sturm  und  Lawinen.  Es  ist  das  Antlitz  einer,  die  mit  Mühen
und  Sorgen  Kinder  zur  Welt  gebracht,  und  die  schwer  gearbeitet ­
  hat,  sie  zu  erhalten.  Und  wessen  Auge  nicht  blind
ist  für  die  Phasen  menschlichen  Daseins,  der  wird  in  dieser
abgearbeiteten  Gestalt  einen  der  mächtigen  Pfeiler  erblikken,
  die  in  den  langen  Jahrhunderten  der  Vergangenheit
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.