IO Schreiner, Die Frau
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geschätzt werden sollte als die andere — das sind Voraussetzungen,
die sich mit irgendeiner Kenntnis der menschlichen
Natur und der sie beherrschenden Gesetze nicht vereinen
lassen.
Andererseits wird die Annahme, daß der Besitz von Gütern
oder der Mittel, sie zu erwerben, den Mann der Frau
abgeneigt machen sollte, von der Geschichte und aller täglichen
Erfahrung widerlegt. Die eifrige Jagd nach reichen
Erbinnen zu allen Zeiten und unter allen Verhältnissen
macht es einleuchtend, daß der Mann sehr geneigt ist, es
an der Frau zu schätzen, wenn sie zu den Ausgaben der
Familie beizutragen vermag. Und der Fall ist, glauben wir,
noch nicht dagewesen, daß ein Mann einer Frau darum abgeneigt
wurde, weil er erfuhr, daß sie über materielle Güter
verfüge. Dieselbe Frau wird, wenn sie als Arzt oder
Anwalt zehntausend Mark jährlich verdient, jederzeit und
ganz bestimmt heute mehr Freier finden, als wenn sie als
Köchin oder Gouvernante sechshundert Mark erhält und
nicht minder schwer arbeitet.
Wenn sich aber die Behauptung, die Frau, die neue Arbeitsfelder
betritt, werde dem Manne nicht mehr liebenswert
erscheinen, auf die Tatsache ihrer größeren Freiheit
gründet, so wird dies von der Geschichte und der menschlichen
Erfahrung noch entschiedener widerlegt. Das Studium
aller Rassen und Zeiten lehrt, daß die Frau um so
höher im Geschlechtswert bei den Männern ihrer Gesellschaft
stieg, je freier sie war. Die drei Weiber, die der Indianer
hinter sich herschleppt, nachdem er sie im Kampf
erbeutet oder für einige Äxte oder ein paar Rollen Tabak
eingetauscht hat, und denen gegenüber er eine unbeschränkte
Gewalt über Leben und Tod ausübt, haben wahrscheinlich
in seinen Augen unendlich geringeren Wert, als
die einzige Frau eines unserer alten germanischen Vorfahren
für diesen besaß. Und ebenso haben die hundert
Weiber und Konkubinen, die sich ein türkischer Pascha