» - l:' 'J- i :
iSSJ
ie*
147
tiefes leidenschaftliches Geschlechtsempfinden als durch
die seltene Entwicklung ihres Intellekts gekennzeichnet.
Niemals in der Geschichte der Menschheit hat hohe In
telligenz und Geisteskraft dazu beigetragen, Mann oder
Frau dem andern Geschlechte reizlos zu machen. Keine
noch so elegant gekleidete, aber unintelligente Frau wird
wohl je dieselbe Intensität tiefen Sexualgefühls selbst unter
ihr wesensähnlichen Männern erweckt haben, wie es eine
George Sand hervorrief, die mit unsterblicher Kraft meh
rere der bedeutendsten Männer ihrer Zeit fesselte, selbst als
sie nicht mehr jung war, dick und unförmlich, in abge
tragenem schwarzen Kleid in einem rauchigen Lokal Ziga
retten drehte und sich über allen Putz, mit dem weniger an
ziehende Frauen ihre verborgenen Mängel zu verdecken
suchen, lustig machte. In keinen hoffnungsloseren Irrtum
könnte ein Asket verfallen, als wenn er sich einbildete, die
Ausrottung der Geschlechtsliebe und der Anziehung der
Geschlechter durch erhöhte Reife, Intelligenz und erhöhtes
Wissen erreichen zu können. Wohl mag er dadurch diese
Empfindungen verfeinern und stark konzentrieren, aber
auch verstärken, so wie ein breiter, seichter, langsam flie
ßender Strom nicht versiegt, sondern an Kraft und Bewe
gung zunimmt, wenn sein Lauf bestimmt, sein Bett tiefer
eingeschnitten wird.
Wenn wir ferner jene sekundären Offenbarungen des Ge
schlechtsempfindens in Betracht ziehen, die sich im Ver
hältnis der Erzeuger zu ihren Nachkommen ausdrücken, so
sehen wir womöglich noch deutlicher, daß erhöhte Intelli
genz und Selbständigkeit die Stärke der Zuneigung nicht
vermindert, sondern erhöht. Sowie der primitive, unwis
sende Mann, der oft willig sein Kind verkauft, oder wenn es
ein Mädchen ist, es aussetzt, mit wachsender Kultur und In
telligenz zu dem höchst aufopfernden, hingebenden Vater
unserer zivilisierten Gesellschaft wird, so, ja noch entschie
dener, wird die Beziehung der Frau zu ihrem Kind mit dem