Leibern und funkelnden Augen die rohen Eingeweide eines
erschlagenen Tieres verschlingen.
Aber selbst abgesehen von solchen Extremen, führt die
bloße Verschiedenheit der Bildung und geistigen Gewohn
heiten, welche Individuen derselben Rasse, aber verschie
dener Klassen trennt, leicht zum Ausschluß wenigstens der
höheren und dauernderen Formen der Geschlechtsempfin
dungen. Der hochkultivierte moderne Städter mag wohl in
vorübergehende, zeitweilige physische Verbindung mit einer
ungebildeten Bäuerin oder Straßendirne treten; aber selten
wird in solch einem Fall die Tiefe der Empfindung und
Sympathie erwachen, die zum Genuß der engen Vereini
gung ehelichen Lebens nötig ist, und es ist zweifelhaft, ob
die höchsten, dauerhaftesten und innigsten Formen der Ge
schlechtsneigung je zwischen andern Menschen bestehen
können als solchen, die sich in Geschmack, Gewohnheiten
und Denken, in ihrer moralischen und physischen Entwick
lung in hohem Grade ähnlich sind.* Wenn es möglich
wäre, daß der Eintritt der Frau in neue Arbeitsgebiete eine
stärkere Divergenz ihrer Ideale, ihrer Bildung und ihres
Geschmackes von denen des Mannes zur Folge hätte, so
würde damit gewiß jeder, der eine solche Bewegung för
dert, eine schwere Verantwortung auf sich laden. Aber
auch nur das oberflächlichste Studium des Lebens und der
Geschlechtsbeziehungen widerlegt eine solche Annahme.
Die beiden Geschlechter sind keine verschiedenen Spe
zies, sondern zwei Hälften derselben und wirken stets auf
einander durch Vererbung ein und zurück, vermischen
sich miteinander und pflanzen einander fort in jeder Gene
ration.
Die Frau ist in zwei Beziehungen organisch mit dem
Mann ihrer Gesellschaft verbunden: er ist ihr Gefährte und
* Wie schon an anderer Stelle bemerkt, scheint in Griechenland in einer
bestimmten Periode der Mann der Frau so weit vorgeschritten gewesen
iu sein, daß die Verschiedenheit zwischen ihnen fast unermeßlich war;
aber rasch sank der Mann wieder auf das Niveau der Frau hinab.
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