Heute haben sich diese Verhältnisse fast vollständig um
gekehrt.
Die Fortschritte der Wissenschaft und die Verbesserun
gen der physischen Lebensbedingungen führen zu einer
rapiden Abnahme der Sterblichkeit unter den Menschen.
Die Kindersterblichkeit ist bei den oberen Ständen in den
modernen Staaten um mehr als die Hälfte gesunken, und
auch in den besitzlosen Klassen beginnt sie, wenn auch
langsam, zu fallen. Durch die zunehmende Kenntnis der
Gesetze der Hygiene ist die Entvölkerung durch Seuchen
bei allen zivilisierten Völkern zu einer Sache der Vergan
genheit geworden, und die Entdeckungen der nächsten
zwanzig oder dreißig Jahre werden wahrscheinlich auch
die Gefahren der Infektionskrankheiten für immer ban
nen. Hungersnöte jener verzweifelten Art früherer Zeiten
sind eine Unmöglichkeit geworden, da die schnellen Ver
kehrsmittel den Mangel des einen Landes mit dem Über
fluß des andern decken; Kriege und Gewalttaten, die zwar
noch nicht ganz verschwunden sind, sind doch schon zu
Episoden im Leben der Völker wie der Individuen gewor
den; während durch die großartigen Fortschritte der Chi
rurgie und Antiseptik die Folgen von Verwundungen und
Verstümmelungen nur zum kleinen Teil mehr tödlich sind.
All diese Veränderungen haben dahin geführt, die Sterb
lichkeit zu vermindern und das Menschenleben zu verlän
gern, so daß es schon heute für ein Volk möglich ist, mit
einem verhältnismäßig kleinen Aufwand an weiblicher Le
benskraft für die passive Leistung des Gebärens nicht
nur seine Zahl zu erhalten, sondern sie zu vermehren.
Aber noch bedeutender hat sich die Anforderung an die
weibliche Gebärkraft durch den Wandel in einer anderen
Beziehung vermindert.
Jede technische Erfindung, durch die der Bedarf an gro
ber, ungelernter menschlicher Muskelkraft abnimmt, ver
mindert auch die soziale Anforderung an die Frau, große
3 Schreiner Die Frau
33