45
gezeigt, ihre eigenen Frauen untätig oder parasitisch wer
den zu lassen, solange die zu ihrer Ernährung und Beklei
dung nötige Muskelarbeit in diesem Falle auf sie selbst
überwälzt worden wäre.
Der Parasitismus der Frau wird erst dann eine Möglich
keit, wenn ein Grad der Zivilisation erreicht ist, bei dem
(wie in den alten Kulturen Griechenlands, Roms, Persiens,
Assyriens, Indiens und in den heutigen orientalischen, wie
China und dieTürkei) dank der ausgedehnten Verwendung
von Sklavenarbeit oder der Arbeit unterworfener Stämme
oder Klassen die herrschende Rasse oder Klasse so reich
lich mit materiellen Lebensgütern versorgt ist, daß die
rein physische Arbeit von seiten der eigenen Frauen un
nötig geworden ist. Erst wenn dieses Stadium erreicht war
und niemals vorher, sind die Symptome von weiblichem
Parasitismus in der Vergangenheit fast jedesmal zutage
getreten und zu einer sozialen Gefahr geworden. Die Män
ner der herrschenden Klasse suchten fast immer die neuen
geistigen Beschäftigungen, welche durch die verminderte
Notwendigkeit der alten Formen physischer Arbeit inner
halb der Gesellschaft möglich geworden waren, für sich
in Anspruch zu nehmen; und die Frauen der herrschen
den Rasse oder Klasse, für deren Muskelarbeit auch keine
Verwendung mehr war und denen es nicht gelang, diese
neuen Arbeitsformen zu ergreifen und zu erreichen, sanken
in einen Zustand, in dem sie keinerlei Art aktiver sozialer
Pflichten erfüllten, sondern allein in der passiven Erfül
lung ihrer Geschlechtsfunktionen lebten. Ob mit oder ohne
Befriedigung, darüber können wir nichts wissen, da wir
keine literarischen Aufzeichnungen der Frauen der Ver
gangenheit und ihrer Wünsche oder Sorgen besitzen. So
trat an Stelle des tätigen, wirkenden Weibes, deren Arbeit
die Gesellschaft erhielt, die erschlaffte Ehef-au, die Kon
kubine oder Prostituierte, die sich in feine Gewänder, dem
Werk fremder Hände kleidete, mit kostbaren Gerichten,