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mene haben unwandelbare Ursachen und Rückwirkungen,
die weitaus zu kompliziert sind, um unter ein so ein
faches Gesetz zusammengefaßt zu werden. Hinter dem
Phänomene des weiblichen Parasitismus ist jedesmal ein
anderes und noch größeres gelegen. Jedesmal ging, wie
wir gesehen, die Unterjochung großer Menschengruppen
voran, sei es in Form von Sklaverei oder Unterwerfung
von Völkerschaften oder Klassen, und die Folge der über
mäßigen Arbeit dieser Schichten war immer die Anhäu
fung nicht erarbeiteter Reichtümer in den Händen der
herrschenden Klassen oder Rassen. Es war immer auf
Kosten dieser Reichtümer, dem Resultate er
zwungener oder schlecht bezahlter Arbeit, daß
die Frauen der herrschenden Klasse oder Rasse in der
Vergangenheit ihre Arbeitsamkeit verloren und dahin ge
langten, rein nur der passiven Erfüllung ihrer Geschlechts
funktionen zu leben. Ohne Sklaverei oder unterworfene
Klassen, welche die rohe physische Arbeit ausführten
und überflüssige Güter erzeugten, wäre der Parasitismus
der Frau in der Vergangenheit eine Unmöglichkeit ge
wesen.
Es ist daher eine tiefe Wahrheit in der allgemeinen An
schauung, daß der Verfall großer Nationen und Zivili
sationen der Vergangenheit aus der Entnervtheit resultiert,
die übergroßer Reichtum und Luxus verursacht, und eine
womöglich noch tiefere Wahrheit liegt der Behauptung zu
grunde, daß der Untergang schließlich die Folge der Ent
kräftung der ganzen Rasse von Männern wie Frauen war.
Aber wenn wir weiter danach fragen, in welcher Weise
sich dieser Prozeß des Verfalls entwickelte, finden wir, daß
die Rolle, die der Parasitismus der Frau dabei spielt, eine
wesentliche war. Der bloße Gebrauch von materiellen Ar
beitsprodukten, die wir Güter nennen, kann niemals an
sich den körperlichen oder geistigen Verfall hervorbringen,
der dem Untergang großer zivilisierter Nationen voran-