Full text: Die Frau und die Arbeit

60 
rend es andererseits durchaus möglich ist, daß die Frau 
eines afrikanischen Häuptlings, die auch nur vier Skla 
ven besitzt, um ihr Korn und Milch zu .schaffen und Felle 
in die Sonne zu breiten, fast ebenso rein parasitisch wird, 
wie die verzärteltsten Modedamen des alten Rom oder mo 
dernen Paris, London und Newyork. Die Höhe, welche un 
verdienter materieller Wohlstand erreichen muß, um inner 
halb derselben Gesellschaft das einzelne Individuum zu 
entkräften, ist verschieden und steht im genauen Verhält 
nis zu den intellektuellen und moralischen Anlagen und der 
Stärke oder Schwäche des individuellen, natürlichen Tätig 
keitsdranges. * 
Der schwächende Einfluß nicht erarbeiteten Wohlstandes 
liegt demnach nicht in der Natur irgendeiner materiellen 
Lebensverbesserung an sich, sondern in der Möglichkeit, 
dem Individuum jeden Ansporn zur Tätigkeit zu rauben 
und so die geistigen und körperlichen und schließlich 
auch die sittlichen Anlagen zu zerstören. Unsere Unter 
suchung wird zeigen, daß es in allen Zivilisationen der 
Vergangenheit fast ausnahmslos die Frau war, die zuerst 
an diesem Punkte anlangte, und daß Entkräftung und 
Verfall fast immer von ihr aus sich auf den Mann über 
tragen hat. 
Warum das so sein mußte, ist klar. Erstens ist es die 
Sphäre häuslicher Tätigkeit, in die Sklavenarbeit oder ge 
dungene Dienste am leichtesten eindringen. Die Macht 
der Peitsche und des Mietschillings vermag viel leichter 
Arbeiter zu verschaffen, die Nahrung und Kleidung her- 
stellen und selbst auch die Kinder pflegen, als Arbeiter, 
* Es ist in der modernen Gesellschaft nichts Ungewöhnliches, daß 
Frauen von verhältnismäßig sehr bescheidenem Wohlstand, die von ihren 
männlichen Verwandten mit ganz beschränkten Mitteln, ohne daß sie 
etwas arbeiten, erhalten werden, wie die Frauen und Töchter kleiner 
Kaufleute oder Angehöriger liberaler Berufe ebenso vollkommen para 
sitisch und nutzlos werden, wie Frauen, die über ungezählte Reichtümer 
verfügen.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.