fullscreen : 10 Jahre Wiederaufbau

geschehen  war.  Endlich  kriegte  Mirtter  es  aber  doch  raus.  Der  Sohn  vom
Chef  ist  gegen  das  Mädel  frech  und  zudringlich  geworden;  und  wie  sie  sich
nicht  mehr  anders  helfen  konnte,  da  gab  sie  ihm  eine  Maulschelle,  daß  es
klatschte.  Da  hat  er  sie  rausgeschmissen.  Und  das  soll  der  liebe  Gott  selber
so  angeordnet  haben,  daß  der  lumpige  Kerl  mit  dem  Auto  fährt  und  meine
Schwester  jetzt  in  die  chemische  Fabrik  zur  Arbeit  gehen  muß,  wo  es  so  stinkt
und  sie  aus  dem  Husten  nicht  herauskommt?  Nein,  mit  den  Geschichten  verschone ­
  mich  lieber.  Und  glaubst  du  am  Ende  gar,  dZß  Demut  und  Barnrherzigkeit
  notwendig  sind,  damit  die  Menschen  zusammenhalten?  Sind  wir
zwei  nicht  befreundet,  ohne  daß  einer  gegen  den  anderen  „barmherzig"  sein
muß?  Gerade  zwischen  den  Reichen  und  den  Armen  herrscht  verdammt  wenig
Zusammenhalt!"
■  Der  andere  war  nachdenklich  geworden;  endlich  aber  sagte  er:  „Aber
das  ist  doch  wahr,  daß  es  immer  Reiche  und  Arme  gegeben  chat,  und  das
kann  man  auch  nicht  abschaffen.  Weißt  du  noch,  wie  der  Lehrer  uns  in  der
Schule  von  den  alten  Römern  erzählt  hat,  was  die  erst  alles  angegeben
haben!  Da  waren  auf  der  einen  Seite  so  reiche  Leute,  die  Nachtigallenzungen ­
  gegessen  haben  und  Fische,  die.mit  Menschenfleisch  gefüttert  waren;
und  auf  der  anderen  Seite  waren  die  armen  Sklaven,  die  zur  Arbeit  gepeitscht ­
  wurden.  Haben  wir  es  da  nicht  doch  noch  besser?"
„Das  ist  schon  wahr",  sagte  der  Kleinere  zögernd.  „Aber  immer  wares ­
  doch  nicht  so.  Zum  Beispiel  die  alten  Deutschen,  die  die  Römer  so  verklopft
  haben;  bei  denen  hat  es  keine  so  reichen  und  keine  so  armen  Leute
gegeben  wie  bei  den  Römern.  Vielleicht  waren  sie  gerade  deshalb  die  Stärkeren. ­
  Am  Ende  geht  es  uns  auch  noch  so,  daß  von  irgendwo  fremde  Völker
kommen,  bei  denen  es  noch  nicht  soviel  Elend  gibt,  vielleicht  die  Japaner,
und  uns  kurz-  und  kleinschlagen,  wie  damals  die  Deutschen  die  Römer."
„Na,  das  glaube  ich  nicht",  lachte  der  Größere.  „Mit  uns  werden  sie
nicht  so  rasch  fertig  werden;  noch  dazu  hab^  ich  neulich  in  der  Zeitung  gelesen, ­
  daß  es  dort  drüben  jetzt  auch  schon  so  ausschaut  wie  bei  uns,  daß  sie
auch  Fabriken  haben  und  reiche  Fabrikanten  uyd  viele  arme  Teufel.  Das
ist  eben  so  auf  der  ganzen  Welt;  und  wenn  es  auch  vielleicht  wirklich  ein
Uebel  ist,  so  ist  doch  dagegen  kein  Kraut  gewachsen."
„Aber  die  Sozialdemokraten  sagen  doch,  daß  es  >ncht  so  sein  muß."
Der  Kleinere  geriet  wieder  in  Eifer.  „Erst  unlängst  hörte  ich  in  der  Werkstatt ­
  ein  Gespräch  mit  an.  „Laß  nur  mal  die  Roten  zur  Macht  kommen,"
sagte  der  lange  Max,  weißt  du,  das  ist  der  junge  Sozi,  von  dem  ich  dir
fchon  so  oft  erzählt  habe,  „und  ihr  werdet  sehen,  wie  alles  anders  wird.
Wenn  nur  einmal  die  Arbeiter  wirklich  zusammenhalten,  dann  können  sie
kommandieren,  und  dann  werden  sie  selber  essen,  was  sie  geschafft  haben."
„Ja  freilich,"  unterbrach  hier  der  Größere  lachend.  „Eure  Maschinen,
die  ihr  macht,  die  werdet  ihr  aufessen,  und  wir  werden  alle  Kleider  selber
anziehen,  die  bei  uns  im  Magazin  liegen."
„Na,  so  dumm  ist  Max  nicht,"  sagte  der  andere  zornig,  ,„daß  er  so  was
glaubt.  Natürlich,  wenn  wir  in  unserer  Werkstatt  und  ihr  in  eurem  Geschäft ­
  anfingen,  dann  könnte  nichts  Gescheites  dabei  herauskommen.  Darum
müssen  eben  alle  zusammenhalten.  Dann  kann  jeder  das  kriegen,  was  er
braucht."
„Na  also,"  erwiderte  der  Größere,  „da  bist  du  ja  bei  der  Teilerei.  Das
sagt  ja  auch  der  Vater  immer.  Die  Sozialdemokraten  wollen  teilen  und
dann  fängt  die  alte  Geschichte  von  vorn  an.  Dazu  wollen  sie  die  alte  Ord-
            
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