Full text : Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre

Das  Geld.

37

suchung  über  die  Gesetzmäßigkeit  seiner  Herkunft  befreit  oder
über  die  Echtheit  der  auf  ihm  eingravierten  Bescheinigung,
die  nur  Bastiat  lesen  konnte.  Geld  riecht  nicht,  wie  ein
römischer  Kaiser  sagte,  was  bedeutet,  es  ist  gut,  woher  es
auch  kommen  mag.
Aber  ließe  sich  selbst  beweisen,  daß  jedes  Geldstück  eine
frühere  Arbeit  darstellt,  ist  es  nicht  ein  ganz  außergewöhnliches
Vorrecht,  daß  diese  tote  Arbeit  genügt,  seinen  Besitzer  von
gegenwärtiger  Arbeit  zu  befreien?  Ich  erinnere  mich,  daß
man,  als  ich  im  Gymnasium  war,  ein  System  in  Gebrauch  hatte,
das  heutzutage  glücklicherweise  nicht  mehr  in  Übung  ist:  man
gab  dem  guten  Schüler  „Befreiungen",  demjenigen  nämlich,  der
seine  schriftlichen  Arbeiten  gut  gemacht  hatte,  gab  man  einen
Gutschein  über  100,  200,  1000  Zeilen;  wenn  er  nun  bestraft
wurde,  brauchte  er  nur  den  Gutschein  im  entsprechenden  Werte
vorzuweisen,  und  war  dann  von  seiner  Strafarbeit  befreit.
War  das  nicht  genau  das,  was  das  Geld  in  der  optimistischen
Definition  Bastiats  bedeutet:  eine  Befreiung  von  Aufgaben,
Strafarbeit,  von  jeder  Frohn?  Wenn  ich  auch  oft  meinen
Nutzen  aus  diesem  Erziehungssystem  gezogen  hatte,  so  sah  ich
doch  nicht  ohne  einige  Gewissensbisse  auf  meine  zur  Arbeit
verurteilten  Kameraden,  die  weniger  reich  an  „Befreiungen"
waren.  Und  kann  sich  derselbe  Skrupel  nicht  mit  Bezug  aus
das  Geld  einstellen?
Lassen  wir  also  jede  Neigung,  das  Geld  zu  etwas  moralischem ­
  zu  machen,  beiseite;  sie  hat  nicht  mehr  Berechtigung,
als  die  umgekehrte  einiger  Moralisten  oder  Sozialisten,  die
im  Gelde  ein  Werkzeug  der  Ausbeutung  und  der  Verdammnis
sehn,  die  dreißig  Silberlinge,  für  die  der  Mensch  seine  Seele
dem  Satan  verkauft  hat.  Wenn  jedes  Goldstück  seine  Geschichte
erzählen  könnte,  würde  diese  sicher  nicht  immer  erbaulich  sein.
Dasselbe  Stück,  das  zur  Entlohnung  der  Arbeit  des  Tagelöhners ­
  gedient  hat  oder  als  Sparpfennig  der  Familienmutter, ­
  wird  morgen  in  die  Hände  eines  Wucherers  übergehn
—  aber  wie  ist  es  dafür  verantwortlich  zu  machen?
Das  Geld  ist  eins  der  wunderbarsten  Werkzeuge,  das
der  Mensch  erfunden  hat,  genau  wie  das  Alphabet  oder  das
Dezimalsystem,  und  es  kann  wie  diese  unterschiedslos  zum
Guten  oder  Bösen  dienen,  ein  Werkzeug,  im  selben  Sinne  wie
die  Werkzeuge  des  Messens,  das  Meter,  die  Gewichte,  die  Hohlmaße. ­
  Jede  Ware  wird  an  der  Geldmenge  gemessen,  gegen
die  sie  ausgetauscht  wird.  Diese  doppelte  Kontrolle,  dies
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.