Full text: Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre

84 Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre. 
wärtigen Wirtschaftsordnung beibehalten und was man ab 
schaffen muß. 
Zunächst wollen wir uns vor der Lächerlichkeit hüten, das 
persönliche Interesse zu verachten, es unter dem Namen Egois 
mus zu brandmarken und zu glauben, man würde leicht jene 
Antriebe der menschlichen Tätigkeit durch irgend eine andere 
Triebfeder ersetzen. Es ist natürlich an sich selbst zu denken. 
Selbst das Evangelium sagt uns nicht das Gegenteil, da es 
sich auf die Lehre beschränkt: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich 
selbst". Anstatt es Egoismus zu nennen, kann man auch wie 
die Engländer ihm einen schöneren Namen geben, „Selbst 
hilfe" (self-help). Persönliche Anstrengung ist untrennbar vom 
persönlichen Interesse. Sich selbst Helsen, diesen Egoismus darf 
man nicht verachten. Ein deutscher Satiriker, Heinrich Heine, 
schreibt in einer reizenden Stelle, wo er von seinen Freunden 
spricht: „Sie überhäuften mich mit Aufmerksamkeiten und ver 
sprachen mir, sie würden mich protegieren, aber bei all ihrer 
Protektion wäre ich Hungers gestorben, hätte sich nicht ein 
wackerer Mann um mich gekümmert. Ach, der wackere Mann! 
er hat mir zu essen gegeben, wofür ich ihm immer Dank wissen 
werde; wie schade, daß ich ihn nicht umarmen konnte! Aber 
ich konnte es nicht, weil dieser wackere Mann — ich selbst war". 
Die Sozialisten selbst wollen nicht, wie man doch annehmen 
sollte, den Eigennutz durch das soziale Interesse ersetzen; sie 
wollen nur verhindern, daß die Interessen der Masse denen 
einer kleinen Zahl geopfert werden, und sie glauben, daß das 
Privateigentum gerade den Erfolg hat, die Entwicklung der 
Persönlichkeiten zu hindern — wenigstens wenn das Eigentum 
auf dem Kapital beruht und durch das Lohnwesen gestützt 
wird — so fordern sie denn seine Abschaffung oder die soge 
nannte Sozialisierung. 
Aber dies zugegeben, darf man doch nicht daraus 
schließen, daß das Eigeninteresse unweigerlich die Verfolgung 
des Gewinnes in sich schließt, oder daß das Verschwinden des 
Gewinns notwendigerweise das Aufhören jeder Tätigkeit oder 
Initiative nach sich ziehen müsse. Der Gewinn ist in der Tat 
in dem Sinne, wie wir ihn definiert haben, nicht der Lohn 
für wirkliche Arbeiten, sondern nur der des „geschickten Han 
delns", oder noch weniger, das Ergebnis glücklicher Umstände. 
Das würde nun aber eine sehr niedrige Einschätzung der 
menschlichen Arbeit bedeuten, wenn man als Grundsatz auf 
stellen wollte, daß sie keinen andern Beweggrund als den 
Köder eines großen Loses haben könnte.
	        
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