Contents : El comercio y los comerciantes

602  Sechster  Teil.  Volkswirtschaftliche  Zustände  in  Amerika.

das  sich  Knabenträume  gern  setzen,  und  das  erreicht  zu  haben,  den  Mann  befriedigt,
wie  es  ihn  in  den  Augen  der  Mitwelt  auszeichnet.  Das  bloße  Streben  nach  Geld
hat  oder,  sagen  wir  vorsichtigerweise,  hatte  bis  vor  kurzem  einen  leichten  Beigeschmack
von  Minderwert,  es  erweckte,  als  Lebensaufgabe  genommen,  ein  leises  Unbehagen.
Das  Bewußtsein,  daß  Geld  nicht  das  höchste  aller  Güter  sei,  zeigt  sich  immer  noch  in
mancherlei  Anzeichen  lebendig,  etwa  in  der  bisweilen  rührenden  Achtung,  die  das
Volk  den  Gebildeten  entgegenbringt,  andererseits  in  der  gesellschaftlichen  Minderschätzung ­
  wenigstens  des  Kleinhandels,  wonach  z.  B.  der  Sohn  eines  Mannes,  der
einen  offenen  Laden  hat,  nicht  Offizier  werden  kann.  —  Auf  dem  Neuland  Amerikas
gibt  es  —  die  Ausnahmen  bestätigen  nur  die  Regel  —  nur  einen  Maßstab  der  Wertung: ­
  den  allmighty  dollar.  Die  Aristokratie  der  oberen  Vierhundert  ist  nur  noch
eine  solche  des  Geldes;  die  alte  Aristokratie  der  pilgrim-fathers,  der  Nachkommen
jener  Puritaner,  die  mit  der  Mayflower  über  den  Ozean  flohen,  um  ihrer  religiösen
Überzeugung  ein  Neu-England  zu  bauen,  ist  eine  überwundene  Sage.  Nun  hat  man
wohl  auch  schon  früher  „Geld  gemacht";  aber  die  Wege  wie  die  Ziele  waren  andere.
Für  die  italienischen  Renaissancetyrannen,  die  ihre  Gegner  hinrichten  ließen,  um
sich  ihrer  Reichtümer  zu  bemächtigen,  für  die  Cortez  oder  Warren  Hastings,  die  sich
in  abenteuerlicher  Laufbahn  märchenhafte  Königsschätze  in  Peru  und  Indien  mit  dem
Schwerte  eroberten,  würden  die  Magnaten  der  Wallstreet  von  New  Park  nur  ein
Lächeln  der  Verachtung  haben.  Diese  Methoden,  reich  zu  werden,  würden  sie  als
plump  bezeichnen;  ihre  eigene  Methode  ist  weniger  geräuschvoll,  weniger  blendend,
aber  sicherer.  Es  ist  eben  die  kapitalistische  Methode,  die  in  nichts  anderem  besteht
als  in  der  durch  keine  Rücksicht  und  keine  anderweitige  Erwägung  gehemmten  Anwendung ­
  rein  ökonomischer  Mittel.  Im  wirtschaftlichen  Konkurrenzkämpfe  niemanden, ­
  selbst  den  Bruder  nicht  zu  schonen,  —  wie  es  von  einem  der  großen  Kapitalmagnaten ­
  tatsächlich  erzählt  wird  —  alle,  aber  auch  alle  Gefühlsregungen  auszuschalten, ­
  jedes  berechtigte  und  unberechtigte  Vorurteil  zu  vergessen  und  nur  rechnen,
rechnen,  rechnen,  das  gibt  den  Kapitalisten  amerikanischen  Stils.  Selbstverständlich,
um  ein  Rockefeller  oder  Jay  Gould  zu  werden,  dazu  gehört  auch  noch  hohe  Begabung,
große  Geschästskenntnis,  ungewöhnliche  Willensstärke,  die  feldherrnmüßige  Fähigkeit,
die  Gunst  des  Augenblicks  blitzartig  zu  erkennen  und  zu  benutzen;  aber  alle  die  Eigenschaften ­
  des  Intellekts  wie  des  Charakters  müssen  von  jener  rechnungsmäßigen  Auffassung ­
  des  Lebens  getragen  werden,  deren  erstickende  Dumpfheit  sich  über  jede
Wallung  des  Gefühls  ertötend  legt.  Jay  Gould,  den  ich  eben  erwähnte,  ein  Mann,
der  als  blutarmer  Hausierer  nach  New  Park  kam  und  als  Besitzer  von  130  Millionen
Dollars  feine  Laufbahn  beschloß,  sagte  kühl  vor  einer  Untersuchungskommission:  „Uns
Finanzleuten  ist  es  ganz  gleich,  welche  Partei  am  Ruder  ist,  —  uns  gilt  nur  die
Partei  etwas,  die  wir  aufkaufen  oder  sonst  zu  unseren  Zwecken  benutzen  können".
Was  an  diesen  Worten  interessant  ist,  das  ist  nicht  ihr  Zynismus,  —  zynisch  sind  auch
andere  Leute  —  sondern  die  kaltblütige  Wertung  der  Politik  vom  Standpunkt  rein
des  geschäftlichen  Vorteils,  des  „business".  —  Die  Politik  selbst,  die  sonst  die  Leidenschaften ­
  im  allerhöchsten  Maße  erregt,  die  „den  Charakter  verdirbt",  selbst  die  Hexe
Politik  bewegt  nicht  das  mit  dreifachem  Erz  umpanzerte  Herz  des  Kapitalisten.  Dieser
Zug  muß  betont  werden.  Es  gibt  genug  Fälle,  daß  Leute  sich  vornahmen,  reich  zu
werden,  und  es  wurden,  um  mit  dem  Gelde,  der  Macht,  die  das  Geld  gibt,  andere
Ziele  zu  erreichen.  Ich  erinnere,  um  nur  zwei  berühmte  Beispiele  zu  nennen,  an
Voltaire,  der  sich  m  wenigen  Jahren  durch  geschickte  Handelsgeschäfte  ein  großes  Vermögen ­
  erwarb,  um  ein  Leben  großen  Stils  als  Kulturförderer  und  Wohltäter  zu
führen,  an  Cecil  Rhodes,  der  sich  Reichtümer  erwarb,  um  seinen  Herrschertraum  vom
britischen  Afrika  zu  verwirklichen.  Demgegenüber  aber  kennt  der  Kapitalist,  von  dem
wir  sprechen,  kein  anderes  Ziel  als  zu  erwerben.  Dafür  gibt  es  aber  gar  keine
            
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