Object: Das Ich und der Staat

VI. Deutsche Diesseitsreligion 127 
wehrlose Deutschland einbrach, da hat das deutsche Ich sich zu 
seinem Staat zurückgefunden. Da wehte noch einmal ein Nachhall 
des Sturmes vom August 1914 durch die deutschen Lande, und 
kann solch ein Sturmeswehen auch nicht von Dauer sein ~ es trägt 
in manches Ich doch erst den Samen der Staatsgesinnung, der da 
aufgeht und Frucht trägt, je nach der Güte des Bodens, worauf er 
fiel. Die Blutzeugen, die dann ihr Leben gelassen haben im Kampfe 
des waffenlosen Rechts gegen die bewaffnete Willkür, die sind doch 
auch gefallen, wie die ersten Toten des Weltkrieges, im guten Glau- 
ben an den deutschen Staat — und haben uns eine Verpflichtung 
hinterlassen, wie sie die Blutzeugen der ersten Christengemeinden den 
Überlebenden zu ihrer Zeit hinterließen! 
Nicht jedes deutsche Ich kann sich zu jeder Stunde in langen und 
harten Arbeitstagen dessen bewußt sein, was ihm der Glaube an den 
deutschen Staat bedeutet. Das tut auch nicht not. Es tut nicht 
einmal not, daß jedes deutsche Ich diesen Glauben teile. Religionen 
sind am stärksten, solange sie bedrängt und in der Minderheit sind. 
Und auch die Diesseits-Religion vom Glauben an den Staat der 
Deutschen wird ihre beste Zeit wohl haben, solange sie um allge- 
meine Anerkennung noch zu ringen hat. 
Entscheidend ist doch, daß sie da ist und ihre Bekenner hat. 
Entscheidend ist doch vielleicht, daß - noch bevor feindlicher Haß 
und Größenwahn das deutsche Ich in seinen Staat zurückpeitschte 
~ auf dem verantwortlichen Posten der Mann stand, der den 
Mut hatte, im allgemeinen Zusammenbruch aller Autoritäten seinen 
Glauben zu bekennen an den deutschen Staat. Hindenburg, der 
seinem Staate schon mit Blut und Leben gedient hatte, ehe es ein 
deutsches Kaiserreich gab, er blieb, als der deutsche Kaiser über die 
Grenze entwichen war, auf seinem Posten und bekundete dadurch, 
unbeirrt durch das Versagen der zeitlich bedingten Staatsform, 
seinen Glauben an die notwendige Lebensform der deutschen Schick- 
salsgemeinschaft, an den Staat selbst. 
Was dies Beispiel für unser Schicksal zu bedeuten hat, das der 
erste Mann des abgekämpften Frontheeres damals gab, das werden 
spätere Zeiten vorurteilsfreier zu beurteilen vermögen, als die von 
Parteisucht zerrissene Gegenwart. Daß inzwischen der neue Staat
	        
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