Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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Die  Arbeiter  der  Konfektionsschneiderei  gehören  in  ihrer  großen  Mehrheit ­
  dem  weiblichen  Geschlecht  an,  und  wenn  dies  allein  schon  es  ermöglichte,
die  Löhne  auf  einen  tiefen  Stand  zu  halten,  so  ward  diese  Möglichkeit
noch  dadurch  verstärkt,  daß  sich  an  der  Konfektionsschneiderei  ein  ganz  erheblicher ­
  Prozentsatz  von  Frauen  und  Mädchen  beteiligten,  für  die  sie  bloß
Nebenerwerb,  in  vielen  Fällen  der  Lohn  nur  „Nadelgeld"  war.  Die
Bezahlung  der  Heimarbeiter  war  fast  durchgängig  eine  erbärmliche.  Dank
ihrer  Widerstandsunfähigkeit  konnten  die  lohndrückenden  Tendenzen  des  Unternehmertums ­
  und  der  Konkurrenzverhältnisse  sich  immer  wieder  mit  erneuerter
Macht  in  der  Konfektionsindustrie  geltend  machen  und  selbst  in  dieser  aufsteigenden ­
  Industrie  das  Elend  forterhalten  oder  wiederherstellen,  welches  die
amtliche  Erhebung  von  1887  ans  Licht  gezogen  hatte.  In  der  ersten  Hälfte  der
neunziger  Jahre  trugen  jedoch  noch  zwei  wichtige  Faktoren  ganz  besonders
dazu  bei,  die  Lage  der  Konfektionsschneider  in  Berlin  und  den  andern
deutschen  Zentren  dieser  Industrie  zu  verschlechtern:  Erstens  die  Äberhand
nähme  der  Konfektion  auf  Lager  oder  „Stapel"  gegenüber  der  Konfektion
auf  durch  Reisende  eingeholte  Bestellungen.  Durch  sie  wurde  die  Produktion
auf  noch  kürzere  Zeit  im  Jahr  zusammengedrängt,  noch  mehr  Saisonarbeit
als  vorher.  Der  zweite  Faktor  war  die  Erschwerung  der  Konkurrenzbedingungen ­
  auf  dem  Weltmarkt  dadurch,  daß  die  Vereinigten  Staaten  und
Argentinien  ihre  Einfuhrzölle  auf  Konfektionswaren  erhöhten  und  Englands
eigene  Konfektionsindustrie  unter  dem  Einfluß  der  Massen-Einwanderung
aus  Rußland  vertriebener  jüdischer  Arbeiter  einen  starken  Aufschwung  nahm.
Sollte  dieser  Konkurrenzdruck  nicht  zur  weiteren  Herabdrücknng  der  Lage  der
deutschen  Konfektionsarbeiter  führen,  so  war  eine  kraftvolle  Gegenaktion  dieser
absolut  geboten.
Sie  blieb  denn  auch  nicht  aus.  Nachdem  viele  Agitationen  und
Diskussionen  vorausgegangen  waren,  beschloß  der  dritte  Verbandstag
deutscher  Schneider  und  Schneiderinnen,  der  vom  22.  bis  25.  August  1894
in  Erfurt  tagte,  eine  planmäßige  Agitation  für  die  Verbesserung  der  Verhältnisse ­
  in  der  Konfektionsschneiderei  ins  Werk  zu  setzen,  und  vier  und
einen  halben  Monat  darauf,  am  13.  Januar  1895,  tagte  in  Berlin  eine
von  der  Berliner  Agitationskommission  für  Schneider  und  Schneiderinnen
einberufene  Konfektionsarbeiter-Konferenz,  die  von  14  Delegierten
aus  den  wichtigsten  Zentren  der  Industrie  beschickt  war.  Sie  verständigte
sich  über  die  Grundlinien  eines  gemeinsamen  Vorgehens  in  ganz  Deutschland ­
  für  folgende  Forderungen:
1.  Anerkennung  von  festzusetzenden  Lohntarisen.
2.  Errichtung  von  Betriebswerkstätten.  Der  Endtermin  wird  auf  den
l.  Februar  1896  festgesetzt.
3.  Einsetzung  einer  Kommission  zur  Austragung  etwaiger  Streitigkeiten,
welche  zu  gleichen  Teilen  aus  Geschäftsinhabern  oder  deren  Vertretern
und  aus  Schneidern  bestehen  soll.
4.  Eine  anständige,  eines  Menschen  würdige  Behandlung.  Rohe  Redensarten ­
  oder  gar  Handgreiflichkeiten  (wie  sie  vorgekommen)  müssen  unterbleiben. ­

5.  Schnelle  Abfertigung  bei  Empfangnahme  und  Abliefern  der  Arbeiten.
Bei  länger  als  einstündigem  Warten  wird  pro  Stunde  40  Pf.  vergütet.
6.  Mindestens  wöchentliche  Lohnzahlung  am  Schluß  jeder  Woche.
7.  Anerkennung  von  Arbeitsnachweisen  in  Landen  der  Arbeiter.
            
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