Full text: Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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ist dem Geist und Buchstaben nach viel zu eng gefaßt, um die Auf 
gaben einer umfassenden sozialen Fürsorgeerziehung verwirklichen 
zu können. Das Gesetz vor allem bedarf einer tiefgreifenden 
Reform. 
Aber noch' eine Schranke wurde der Durchführung des Für 
sorgeerziehungsgesetzes in den Weg gestellt: der Hader um die Kosten 
der Fürsorgeerziehung. 
Der unselige Streit um die Aufwendungen für die erzieherischen 
Fürsorgematznahmen zwischen den Armenverbänden und Kommunal 
verbänden haben den ganzen sozialen Zweck des Fürsorgeerziehungs 
gesetzes gefährdet. Die Rechtsstreitigkeiten der Verbände um das 
leidige Zahlen brachten viele Minderjährige um eine geordnete 
Erziehung und ließen sie der Verwahrlosung und den, Verbrechen 
anheimfallen. Die erlahmte Federkraft des Gesetzes tritt mit 
Händen greifbar in dem Zurückgehen der Anträge auf Fürsorge 
erziehung hervor. Wir lesen z. B. in den Mitteilungen der 
„Statistik für die Fürsorgeerziehung Minderjähriger usw. für 1902" 
aus den Jahresberichten der Oberpräsidenten und Kommunal- 
verbände: „Infolge der bekannten Rechtsprechung des Kammer 
gerichts sehen die Gemeindebehörden in manchen Fällen, in denen 
die Fürsorgeerziehung tatsächlich am Platze wäre, von der Stellung 
eines entsprechenden Antrages in der Besorgnis ab, es möchte an 
Stelle der Ueberweisung zur Fürsorgeerziehung die Unterbringung 
aus § 1660 Bürgerlichen Gesetzbuches angeordnet werden und damit 
eine nichts weniger als beabsichtigte Belastung des Armenverbandes 
eintreten." 
Erst eine totale Aenderung des Fürsorgeerziehungsgesetzes kann 
einen wirklichen Wandel in der Fürsorgeerziehung Preußens in 
die Wege leiten. 
III. Die gründ stürzende Reform der Fürsdrge- 
erziehungsan st alten. 
Aber nicht nur das preußische Fürsorgeerziehungsgesetz harrt 
dringend einer tiefgreifenden Umgestaltung, nein, vor allem auch der 
ganze Charakter der Anstalten, denen bisher die Erziehung der 
Fürsorgezöglinge übertragen wurdet 
Durch die energische Initiative der „Inneren Mission" der 
evangelischen Landeskirche tvurde in den Zeiten, wo Staat und Ge 
meinde noch völlig einer sozialen Auffassung ihrer Aufgaben er 
mangelten, eine ganze Reihe von Rettungsnnstalten, von Magdalenen» 
Heimen usw. zur Erziehung wirklich verwahrloster Kinder, junger 
und erwachsener Personen geschaffen. Nach der Vom „Zentral- 
ausschus; für Innere Mission" herausgegebenen Statistik haben bis 
zum Jahre 1900 „27 127 Personen die Wohltat eines christlichen 
Hauses erfahren". 
Die von der „Inneren Mission" gegründeten Rettungsanstalten 
waren durchweg auf die Geschenke frommer Privatpersonen an 
gewiesen. Die Anstalten mußten mit sehr spärlichen Mitteln Wirt-
	        
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