Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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den  Mädchen  gefordert.  In  zwei  Jahren  läßt  sich  manches  Handwerk ­
  lehren  und  lernen.  Vielleicht  wird  einmal  der  Versuch  gemacht,
nährende  Handwerke  den  Mädchen  beizubringen  nach  Art  der  männlichen ­
  Handwerke,  z.  B.  Buchbinderei,  Buchdruckerei,  Schneiderei.  In
diesem  Falle  müßte  darauf  gehalten  werden,  daß  die  Mädchen  ein
Handwerk  vollständig.erlernen  .  .  bis  sie  sich  mit  dem  gelernten
Handwerk  selbst  ernähren  können."
Der  Kampfesruf  aller  aufrichtigen  Sozialpolitiker,  die  wirklich
die  verwahrlosten  Kinder  unseres  Proletariats  bor  dem  Absturz
in  den  Sumpf  der  Prostitution  retten  wollen,  muß  sein:  eine  grundstürzende ­
  Reform  unseres  Fürsorgcerziehungswesens.
Erfreulicherweise  ist  dieser  Ruf  schon  von  einem  kirchlich  denkenden ­
  ehemaligen  Geistlichen  erhoben  worden,  der  wie  kein  zweiter
die  bisherigen  Erziehungsanstalten  für  verwahrloste  Kinder  kennt:
von  Herrn  Plaß,  dem  Direktor  der  Erziehungsanstalt  „Am  Urban"
in  Zehlendorf.
Herr  Direktor  Platz  hat  ob  seines  Freimutes,  mit  dem  er  die
Erziehungsmethoden  der  bestehenden  Fürsorge-Erziehungsanstalten
geißelte,  die  heftigsten  Angriffe  von  seinen  Amtsbrüdern  erfahren.
Er  ließ  sich  durch  diese  Angriffe  nicht  von  dem  Reformwege,  den  er
mit  so  großer  Energie  betrat,  drängen.  Unermüdlich  arbeitet  er  an
der  Vervollkommnung  seiner  Erziehungsmethoden,  an  einer  Ausgestaltung ­
  des  Arbeitsunterrichtcs,  an  einer  Entwickelung  der
Arbeitsfreudigkeit  der  Kinder,  an  einer  Pflege  der  Phantasictätigkeit
der  Kinder,  au  einer  Kräftigung  der  Persönlichkeit  derselben.
Vor  wenigen  Monaten  hielt  der  Direktor  Platz  in  dem  Verein
Frauenwohl  einen  Vortrag  über  das  „soziale  Elend  der  Jugend  infolge ­
  mangelhafter  Fürsorge".  Ueber  seinen  Portrag  berichtete
der  „Vorwärts"  unter  anderem:
„In  seinen  Ansichten  über  die  Grundsätze,  nach  denen  die
Fürsorge-Erziehungsanstalten  geleitet  werden  müssen,  erwies  sich  der
Vortragende  als  einsichtiger  Pädagoge,  dessen  Standpunkt  sich  von
den  hergebrachten  Anschauungen  scharf  unterscheidet.  Er  vertrat
diesen  Standpunkt  besonders  nachdrücklich  in  seinem  Schlußwort,
nachdem  in  der  Diskussion  verschiedene  Einwendungen  gegen  einzelne
seiner  Ausführungen  gemacht  worden  waren.  Mit  Predigen,  sagte
er,  kann  man  keinen  Verwahrlosten  bessern.  Mit  Liebe  muß  man
die  Zöglinge  behandeln,  und  wenn  man  die  Verhältnisse  berücksichtigt,
die  sic  zu  dem  gemacht  haben,  was  sie  sind,  dann  wird  man  gerecht
gegen  sie  sein  und  sich  so  ihr  Vertrauen  erwerben.  Die  Fürsorge-Erziehungsanstalten
  sollen  nicht  den  Charakter  von  Gefängnissen
haben.  Keine  vergitterten  Fenster,  keine  Glasscherben  auf  der
Mauer,  keine  Aufseher  mit  Seitengewehren,  keine  Gummischläuche
als  Strafinstrumente,  keine  rohe  Behandlung  der  Zöglinge.  Durch
solche  Mittel  kann  niemand  gebessert  werden.  Wer  auf  solche  Weise
innerhalb  der  Anstalt  in  Zucht  gehalten  wird,  der  pflegt  gleich  wieder
in  seine  alten  Fehler  zurückzufallen,  sobald  er  die  Anstalt  verläßt.
            
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