Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

107

Der  Vortragende  verwies  auf  die  unter  seiner  Leitung  stehende,  mit
etwa  180  Zöglingen  besetzte  Anstalt,  wo  die  van  ihm  vertretenen
Grundsätze  angewandt  werden.  Dort  übt  man  nicht  die  strenge  Zucht
in  hergebrachtem  Sinne,  sondern  man  erzieht  die  jungen  Leute  zur
Selbständigkeit,  und  man  geht  darauf  aus,  den  in  jedem  Menschen
vorhandenen,  unter  ungünstigen  Verhältnissen  entartenden  Trieb
nach  Lebensfreude  zu  veredeln.  Es  ist  deshalb  dafür  gesorgt,  daß  die
Zöglinge  in  der  Anstalt  Freude  finden  an  geselligen  Spielen.  Es
wird  musiziert,  gesungen,  Theater  gespielt  und  dergleichen  mehr.
Die  Zöglinge  haben  ihre  Vereine,  die  sie  selbst  verwalten.  Die  Verwaltung ­
  der  Anstalt  ist  zum  Teil  eine  konstitutionelle.  Die  Direktion
bildet  gewissermaßen  den  Bundesrat,  während  die  Zöglinge  das
Parlament  darstellen.  Auf  solche  Weise  werden  die  jungen  Leute
mit  gutem  Erfolge  zu  selbständigen  Menschen  erzogen,  und  der
Korpsgeist  wird  gepflegt.  Selten  kommt  es  vor,  daß  ein  Zögling  aus
der  Anstalt  entweicht,  woran  ihn  weder  Fenstergitter  noch  Glasscherben ­
  auf  der  Mauer  hindern.  Die  Entwichenen  kommen  meist
selbst  wieder  zurück,  und  dann  ist  es  nicht  die  Direktion,  welche  sie
zu  fürchten  haben,  sondern  die  Mißachtung  der  Anstaltsinsassen,  die
es  als  Verstoß  gegen  den  Korpsgeist  betrachten,  daß  einer  aus  ihren
Reihen  der  Anstalt  entweicht."
Am  26.  März  1905  ging  Herr  Direktor  Platz  sodann  nochmals
auf  seine  Grundgedanken  über  den  Ausbau  der  öffentlichen  und
privaten  Fürsorge  für  die  verwahrloste  Jugend  ein.  Er  betonte  in
dieser  Rede  nach  dem  „Vorwärts":
„Was  nun  die  Fürsorge-Erziehung  der  schon  Verwahrlosten  angehe, ­
  so  bedürfe  auch  diese  des  weiteren  Ausbaues.  Angesichts
mancher  Exzesse  von  Anstaltsinsassen  (Angriffe  auf  die  Leiter  usw.)
sollte  man  nicht  pharisäisch  nur  die  Zöglinge  selber  dafür  verantwortlich
  machen,  sondern  gcrcchterweise  fragen:  Ist  auch  die  Erziehungsmethode ­
  die  richtige  gewesen?  Tatsächlich  habe  man  sich
immer  noch  nicht  davon  ganz  frei  gemacht,  daß  die  verwahrloste
Jugend  nur  durch  Strafe  gebessert  werden  könne.  Dem  stellt  Redner
seine  Methode  entgegen,  durch  Liebe  und  Vertrauen  ein  Autoritätsverhältnis ­
  herbeizuführen,  indem  man  auf  die  Ideen  der  Zöglinge
eingehe  und  ihr  Interesse  beruflich  und  materiell  wahrzunehmen
suche.  Damit  hätte  er  selbst  bei  jugendlichen  Verbrechern  schon  die
schönsten  Erfolge  erzielt.  Er  fordere:  Bringt  Sonnenschein  und
Freude  in  die  Anstalt  hinein,  habt  Verständnis  für  die  Bedürfnisse
der  jugendlichen  Seele!  Eine  Erziehung  nach  der  Schablone  sei
darum  streng  zu  verwerfen.  Durch  scharfe  Maßnahmen  und  Unterdrückung ­
  alles  Persönlichen  werde  gerade  das  Gegenteil  einer
bessernden  Erziehung  bewirkt.  Redner  vertritt  das  Prinzip  einer
individualisierenden  Arbeitserziehung  gegenüber  der  in  vielen  Anstalten ­
  üblichen  wirtschaftlichen  Ausnutzung.  Er  kenne  Anstalten,
wo  den  ganzen  Tag  Holz  zerkleinert,  Steine  geklopft  oder  jahraus
jahrein  Bürsten  fabriziert  würden.  Aber  selbst  in  besseren  Anstalten
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.