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Der Vortragende verwies auf die unter seiner Leitung stehende, mit
etwa 180 Zöglingen besetzte Anstalt, wo die van ihm vertretenen
Grundsätze angewandt werden. Dort übt man nicht die strenge Zucht
in hergebrachtem Sinne, sondern man erzieht die jungen Leute zur
Selbständigkeit, und man geht darauf aus, den in jedem Menschen
vorhandenen, unter ungünstigen Verhältnissen entartenden Trieb
nach Lebensfreude zu veredeln. Es ist deshalb dafür gesorgt, daß die
Zöglinge in der Anstalt Freude finden an geselligen Spielen. Es
wird musiziert, gesungen, Theater gespielt und dergleichen mehr.
Die Zöglinge haben ihre Vereine, die sie selbst verwalten. Die Ver
waltung der Anstalt ist zum Teil eine konstitutionelle. Die Direktion
bildet gewissermaßen den Bundesrat, während die Zöglinge das
Parlament darstellen. Auf solche Weise werden die jungen Leute
mit gutem Erfolge zu selbständigen Menschen erzogen, und der
Korpsgeist wird gepflegt. Selten kommt es vor, daß ein Zögling aus
der Anstalt entweicht, woran ihn weder Fenstergitter noch Glas
scherben auf der Mauer hindern. Die Entwichenen kommen meist
selbst wieder zurück, und dann ist es nicht die Direktion, welche sie
zu fürchten haben, sondern die Mißachtung der Anstaltsinsassen, die
es als Verstoß gegen den Korpsgeist betrachten, daß einer aus ihren
Reihen der Anstalt entweicht."
Am 26. März 1905 ging Herr Direktor Platz sodann nochmals
auf seine Grundgedanken über den Ausbau der öffentlichen und
privaten Fürsorge für die verwahrloste Jugend ein. Er betonte in
dieser Rede nach dem „Vorwärts":
„Was nun die Fürsorge-Erziehung der schon Verwahrlosten an
gehe, so bedürfe auch diese des weiteren Ausbaues. Angesichts
mancher Exzesse von Anstaltsinsassen (Angriffe auf die Leiter usw.)
sollte man nicht pharisäisch nur die Zöglinge selber dafür verant-
wortlich machen, sondern gcrcchterweise fragen: Ist auch die Er
ziehungsmethode die richtige gewesen? Tatsächlich habe man sich
immer noch nicht davon ganz frei gemacht, daß die verwahrloste
Jugend nur durch Strafe gebessert werden könne. Dem stellt Redner
seine Methode entgegen, durch Liebe und Vertrauen ein Autoritäts
verhältnis herbeizuführen, indem man auf die Ideen der Zöglinge
eingehe und ihr Interesse beruflich und materiell wahrzunehmen
suche. Damit hätte er selbst bei jugendlichen Verbrechern schon die
schönsten Erfolge erzielt. Er fordere: Bringt Sonnenschein und
Freude in die Anstalt hinein, habt Verständnis für die Bedürfnisse
der jugendlichen Seele! Eine Erziehung nach der Schablone sei
darum streng zu verwerfen. Durch scharfe Maßnahmen und Unter
drückung alles Persönlichen werde gerade das Gegenteil einer
bessernden Erziehung bewirkt. Redner vertritt das Prinzip einer
individualisierenden Arbeitserziehung gegenüber der in vielen An
stalten üblichen wirtschaftlichen Ausnutzung. Er kenne Anstalten,
wo den ganzen Tag Holz zerkleinert, Steine geklopft oder jahraus
jahrein Bürsten fabriziert würden. Aber selbst in besseren Anstalten