Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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In  Frankfurt  «.  M.  standen  nach  der  Frankfurter  Festschrift
zum  ersten  Kongreß  der  „Deutschen  Gesellschaft  zur  Bekämpfung  de'r
Geschlechtskrankheiten"  im  Jahre  1802  288  Dirnen  unter  sittenpolizeilicher ­
  Aufsicht.
Es  waren
18  Mädchen  ---  6,3  Pcoz.  schon  anderswo  kontroll.  Dirnen  gewesen

87

„  -----  30,1

„  Dienstmädchen  vor  der  Kontrolle

63

„  =  21,8

„  Kellnerinnen

22

„  -----  7,6

„  Näherinnen

13

-----  4,5

„  Schneiderinnen  „  „

11

=  3,7

„  Wäscherinnen  bezw.  Büglerinnen

36

=  13,7

„  Arbeiterinnen  bezw.  Taglöhnerinnen

5

„  -----  1,7

„  Monatsmädchen,  Aufwärterinnen

11

-----  3,7  .

„  Ehefrauen  ohne  besonderen  Beruf

8

--  2.8

„  Verkäuferinnen

9

—  3,1  ,

Varia

5

=  1,7

„  Gewerbelos

Also  über,  30  Proz.  der  Kontrollniädchen  sind  Dienstmädchen
gewesen.  Unter  den  Kellnerinnen,  Näherinnen,  Arbeiterinnen,
Monatsmädchen  dürften  große  Prozentsätze  ehemaliger  Dienstmädchen ­
  stecken.  Die  Dienstmädchen,  das  haben  die  Untersuchungen
der  Frau  Rcgierungsrat  Marquardt  über  die  früheren  Berufe  der
Berliner  Prostituierten  ergeben,  suchen  sich  zuerst  in  anderen  Bcrufsarten
  zu  betätigen,  bevor  sie  die  schlüpfrige  Bahn  der  Prostitution ­
  betreten.
Welche  ökonomischen  und  sozialen  Verhältnisse  machen  nun  die
Ohren  der  Dienstmädchen  so  geneigt  für  die.  Lockrufe  der  Frau
'  Marthe  Schwerdtlein?
In  der  Stadt  wirkt,  wie  wir  sehen,  die.  Nähe  der  Welt  des
bürgerlichen  Reichtums  schon  verhängnisvoll  auf  die  schlecht  gestellten
i  Schichten  des  weiblichen  Proletariats  ein.  In  der  modernen  Groß->
  stadtwohnung  haust  und  lebt  nun  das  Dienstmädchen  gleichsam  unter
!  derselben  Zimmerdecke  mit  den  ihr  sonst  völlig  fremden  Angehörigen
der  besitzenden  Klassen.  In  diesen  besitzenden  Klassen  kommt  vielfach ­
  der  dienenden  Klasse  gegenüber  gar  nicht  das  Gefühl  der  Gleichberechtigung ­
  auf.  Welcher  Abgrund  klafft  zwischen  der  feinen
geistigen  Bildung  der  oberen  Klassen  und  der  allerdürftigsten  Volksschulbildung ­
  des  dienenden  Landinädchens?  Eine  andere  Spezies
Mensch  scheinen  diese  „dummen  Bauerntrinen"  zu  sein!  Man  darf
sich  gegenüber  diesen  derben  Mädchen  vom  Lande,  die  ja  ganze  andere
Sittlichkeitsvorstellungen  besitzen,  völlig  ungeniert  betragen.  Ein
Kuß,  ein  dreister  Griff  nun,  diese  Mädchen  sind  ja  keine  höheren
Töchter  I
Die  Dienstmädchen,  die  sich  fern  vom  Lande  an  eine  großstädtische ­
  Herrschaft  vermietet  haben,  entbehren  des  starken  Rück-!
  Halts,  den  ihnen  eine  unaufgelöste  Familie  durchweg  gewährt.  Sic
leben  nicht  inehr  ausschließlich  mit  ihren  Klassengenossen  und
            
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