Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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ewig  verschlossen  ist.  Neben  dem  proletarischen  Mädchen  haust  die
Prostituierte.  Das  Märchen  von  dem  flittergoldigen  Glück  einer
Prostituierten  verbreitet  sich.  schnell  in  der  vierstöckigen  Mietskaserne ­
  der  Großstadt.  Und  die  arbeitslose,  sich  scheinbar  von  Ball
zu  Ball  lustig  dahinspielende  Existenz  der  Prostituierten  muß  in  der
armen  Arbeiterin,  die  bei  Kaffee  und  Kartoffeln  dahinkränkelt,  die
merkwürdigsten  sozialen  Betrachtungen  erwecken.  Und  wenn  nun
ein  heißes  Sehnen  nach  Lebens-  und  Liebeslust  in  dem  armen,  von
dem  Schicksal  so  stiefmütterlich  behandelten  Mädchen  erwacht,  so
können  sich  die  jungen  Sinne  desselben  vielfach  nicht  anders  austollen, ­
  als  in.den  Tanzlokalitäten  und  in  den  „Cafes"  der  großstädtischen ­
  Halbwelt.
Die  Kinder  des  Proletariats  wachsen  oft  in  der  Umgebung  von
Prostituierten  auf.  Der  Schmutz  der  Prostitution  spritzt  fast  auf
ihre  Kinderseelen.  Das  Kind,  das  an  der  Seite  der  Prostituierten
groß  wird,  steht  mit  einem  Fuß  gleichsam  schon  aus  der  Straße  und
im  Nachtcafe.  Der  Professor  Laspeyres  bemühte  sich  in  einer  moralstatistischen
  Studie  über  den  „Einfluß  der  Wohnung  auf  die  Sittlichkeit" ­
  an  der  Hand  einer  Enquete  der  Pariser  Handelskammer
nachzuweisen,  wie  unheilvoll  das  Wohnen  der  Prostituierten  in
den  einzelnen  Wohnungsvierteln  auf  die  Lebensführung  der  alleinstehenden ­
  weiblichen  Personen  einwirkt.  Er  ermittelte  nach  Dr.
H.  Kurclla  folgende  Tatsachen  im  Jahre  1869:  „In  23  Pariser
Quartieren,  in  denen  -  6  Prozent  der  Chambregarnistinnen  von
Prostitution  lebten,  hatten  22,9  Prozent  der  Chambregarnistinnen
ein  gutes  Betragen;  in  23  anderen  Quartieren  lebten  40  Prozent
der  Frauen  von  Prostitution,  und  hier  hatten  nur  9  Prozent  der
Chambregarnistinnen  überhaupt  (nach  Angabe  der  Arbeitgeber)  ein
gutes  Betragen."
In  der  Umfrage  der  „Deutschen  Gesellschaft  zur  Bekämpfung
der  Geschlechtskrankheiten"  an  die  deutschen  Ststdte-  und  Polizei-,
Verwaltungen  über  die  Wohnungsverhältnisse  der  städtischen
Prostituierten  werden  wiederholt  die  sittlichen  Gefahren,  die  das
Zusammenwohnen  der  proletarischen  Bevölkerungsgruppen  mit  den
Prostituierten  einschließt,  stark  hervorgehoben.  Für  Karlsruhe  befürwortete ­
  der  Oberbürgermeister  Schnetzler  in  einer  „Denkschrift"
für  die  erste  deutsche  Hhgieneausstellung  sehr  eindringlich  die
Verlegung  der  Prostituierten  in  eine  Straße,  damit  diese  Elemente
nicht  korrumpierend  auf  die  weiblichen  Arbeiterinnen  einwirken
könnten.  Nach  Aufhebung  der  Beschränkung  über  das  Wohnen  der
Prostituierten  in  einigen  Straßen  würden  nach  der  Denkschrift
„ohne  Zweifel  auch  in  manchen  größeren  und  bevölkerten  Gebäuden
der  Stadt,  besonders  den  Mieterkasernen  der  Bahnhofsstadtteile
Dirnen  ihre  Unterkunft  finden.  In  ebendenselben  Häusern  wohnen
des  billigen  Mietzinses  wegen  jene  zahlreichen  Näherinnen,
Büglerinnen,  Putzmacherinnen  und  andere  isolierte,  auf  ihre  Arbeit
angewiesene,  aber  durch  ihre  mannigfache  Berührung  mit  der  luxus-
            
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