Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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(Statistik  der  Ehen,  Jena  1890)  über  die  dänische  Landbevölkerung
stellten  fest,  daß  von  den  Erstgeborenen  zirka  die  Hälfte  vor  der
Ehe  gezeugt  war.  „Wenn  es  auch  bei  allen  Gesellschaftsklassen  eine
bedeutende  Anzahl  von  Fällen  gab,  wo  der  Erstgeborene  bald  nach
der  Hochzeit  zur  Welt  kam,  so  traf  es  doch  besonders  für  die  Dienstmädchen, ­
  dagegen  durchgehend  seltener  für  wohlhabendere  Mädchen
zu.  .  .  .  In  den  Ehen  zwischen  Dienstmädchen  und  Häuslern  ohne
Feld,  in  welchen  überhaupt  Kinder  erzeugt  wurden,  waren  die
Bräute  in  wenigstens  sieben  Fällen  unter  zehn  bei  der  Trauung
schwanger."
Trotz  des  ungebundenen  außerehelichen  Verkehrs  auf  dem  Lande
tauchten  in  Dänemark  die  Geschlechtskrankheiten  außerordentlich
selten  auf.  In  Dänemark  waren  die  venerische^  Krankheiten  in
der  Großstadt  Kopenhagen  fünfzigmal  so  stark  vertreten,  als  auf
dem  platten  Laude.  Nach  Blaschko  erkrankten  im  Jahresdurchschnitt
1886—1895  an  venerischen  Krankheiten  in  Kopenhagen  von  1000  der
Bevölkerung  20,1,  in  den  Provinzialstädten  3,02,  auf  dem  platten
Lande  0,38.
Die  soziale  Tatsache,  daß  die  eigentlichen  Herde  der  Geschlechtskrankheiten ­
  die  Sitze  des  großstädtischen  Prostitutionsverkchrs  sind,
bestätigte  glänzend  die  bekannte  statistische  Arbeit  Professor  Guttstedts:
  „Die  Verbreitung  der  venerischen  Krankheiten  in  Preußen
sowie  die  Maßnahmen  zur  Bekämpfung  dieser  Krankheiten."  DaZ
treffliche  statistische  Werk  Guttstedts  beruht  aus  den  Ergebnissen
einer  statistischen  Umfrage  an  die  preußischen  Aerzte  über  die  von
ihnen  am  30.  April  1900  behandelten  Venerischen.
Die  Enquete  Guttstedts  ermittelte  am  30.  April  1900  40  902
ansteckende  Geschlechtskranke.  Auf  Berlin  allein  fielen  von  diesen
40  902  Venerischen  11  598.  Von  den  geschlechtskranken  Männern
der  ganzen  preußischen  Monarchie  wohnten  allein  28,07  Prozent  in
Berlin,  und  von  den  gesamten  venerischen  Frauen  gar  29,17  Prozent.
Zählt  man  die  geschlechtskranken  Männer  Berlins  und  der  siebzehn
preußischen  Großstädte  mit  mehr  als  100  000  Einwohnern  zusammen,
so  faßt  man  mit  dieser  Ziffer  bereits  61,36  Prozent  der  sämtlichen
geschlechtskranken  Männer  der  preußischen  Monarchie  zusammen.
Die  Addition  der  Zahlen  der  venerischen  Frauen  Berlins  und  der
siebzehn  Großstädte  über  100  000  Einwohner  ergibt  60,83  Prozent
der  venerischen  Frauen  des  preußischen  Staates.  Man  sieht  schon
aus  diesen  Ziffern:  die  Geschlechtskrankheiten  sind  vorwiegend  eine
Großstadterscheinung.  Natürlich  wuchern  diese  Krankheiten  ebenfalls
in  den  kleineren  Städten  fort,  in  denen  besonders  die  käufliche  Liebe
blüht:  in  den  Hafenstädten,  Garnisonstädten  usw.  So  hob  sich
Wilhelmshaven  z.  B.  durch  eine  besonders  hohe  venerische  Erkrankungsziffer ­
  hervor:  es  kamen  nämlich  dort  auf  10  000  erwachsene
Personen  der  Bevölkerung  141,16  Venerische.  Mit  der  Bevölkerungsziffer ­
  der  Städte  sinkt  durchweg  die  Ziffer  der  Geschlechtskranken.
            
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