Full text: Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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Betrachten wir die sanitären Verhältnisse eines Industrie 
zentrums näher, z. B. des rheinisch-westfälischen Jndustriebezirks 
Arnsberg, so finden wir die Geschlechtskrankheiten überwiegend auf 
die vier größten Städte des Bezirks verteilt: auf Dortmund, Bochum/ 
Gelsenkirchen und Hagen. Die Gesamtbevölkerung dieser Städte 
belief sich auf 212 624 Einwohner, die erwerbsfähige Bevölkerung, 
das heißt die Bevölkerung über 15 Jahre auf 179 186 Einwohner. 
Am 80. April 1900 wurden nun im Regierungsbezirk Arnsberg nur 
832 Geschlechtskranke gezählt. Von diesen 832 Geschlechtskranken 
hatten 497, das heißt etwa 60 Prozent, ihren Wohnsitz in den vier 
Städten: Dortmund, Bochum, Gelsenkirchen und Hagen. Die Be 
völkerung dieser vier Städte betrug etwa nur 16 Prozent der 
Bevölkerung des Regierungsbezirkes Arnsberg, und dennoch entfielen 
auf diese 16 Prozent der Bevölkerung zirka 60 Prozent der gesamten 
Geschlechtskranken Arnsbergs. In diesen vier Städten sitzt aber die 
öffentliche und geheime Prostitution. In einem Atemzuge, das 
beweisen durchschlagend alle hier angeführten Ziffern, muß man 
stets die großstädtische Prostitution und die Geschlechtskrankheiten 
nennen. In dem sozialen Schuldbuch der Prostitution steht obenan 
die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten. 
J& 
4. Kapitel. 
Die staatliche Reglementierung der Prostitution. 
I. Das Bordell wesen u n d die M ä dch e n s kl a v e r'e i 
Mit wachsendem Entsetzen blickte der Staat auf die Ver 
wilderung der Sitten, die zunehmende körperliche Entartung der 
Rasse und die rapide Vermehrung des Verbrechertums, kurz auf alle 
die geradezu schreienden Uebelstände, die die Entmenschung des 
Weibes in so ungeheurem, das soziale Leben gefährdendem Um 
fange entfesselte. Der moderne Staat, noch halb in dem Banne 
absolutistischer Ideen befangen, rief natürlich in seinem Kampfe gegen 
die Prostitution nach dem ihm so nahestehenden und stets von ihm 
stürmisch verlangten Retter aus allen Nöten: nach der Polizei. 
- Man kann wirklich nicht sagen, daß gerade der Feldzugsplan, 
den die Staatspolizei zur Abwehr der aufdringlichen Schäden der 
Prostitution entwarf, sehr in die Tiefe ging. Verweisung der 
Prostitution aus dem öffentlichen Leben, von den Märkten und 
Straßen, auf denen sie sich so dreist und lärmend tummelte, das war 
der wesentlichste Punkt in ihrem Programm. Ihr Schlachtruf lautete 
nicht: Beseitigung der Entmenschung des Weibes, sondern Regelung 
der Entmenschung desselben, Leitung der Prostitution in polizeilich 
abgesteckte, die Öffentlichkeit nicht mehr belästigende Bahnen.
	        
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