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Heiken verbreitet werden, dürfte sich aus der Tatsache erhellen, daß
von den wegen Gewerbsunzucht aufgegriffenen Kellnerinnen
wenigstens 80 bis 90 Prozent geschlechtlich krank waren. Von 10 im
hiesigen städtischen Krankenhause an Geschlechtskrankheiten be
handelten Weibspersonen sind durchschnittlich 9 Kellnerinnen. Das
Kellnerinnenwesen ist sonach die verderblichste Einrichtung zur Ver
breitung der Geschlechtskrankheiten."
In allen größeren Bordcllstädten, wie in Nürnberg, Mainz,
Leipzig, Hamburg, Magdeburg tummelt sich außerhalb der Bordelle
ein reglementiertes und nicht reglementiertes Dirnentum. Woran
die gesetzlose Zerstörungswut der interessierten zünftigen Pro
stitution des Mittelalters in den damaligen wenig köpfereichen
Städten scheiterte: an der Beseitigung der Winkelhurennester, an
ihr wird ebenfalls die sich in gesetzlichen Bahnen bewegende Sitten
polizei unserer verkehrsreichen Riesenstädte Schiffbruch erleiden.
Kein mit drakonischer Strenge aufgeherrschtcr Bordellzwang für
alle Dirnen würde heute die geheime Prostitution der Großstädte
vernichten können.
In Hamburg besteht nach Dr. Blaschko eigentlich ein Bordell
zwang, da die Prostitution nur innerhalb der Bordcllstraßen ge
duldet werden soll. In der Tat breitet sich aber in Hamburg eine
riesige geheime Prostitution ziemlich ungeniert aus. Schon in den
fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts fanden sich allein in
einem Tanzlokale bei Gelegenheit einer Razzia 30 syphilitische un
kontrollierte Mädchen.
Die Bordelle entziehen den Prostitutionsverkehr Hamburgs
durchaus nicht der Oeffentlichkeit. Ja, die Augen von Schulkindern
schauen buchstäblich auf diesen Verkehr. Nach dem zweiten Jahres
bericht des Hamburger „Vereins zur Hebung der öffentlichen Sittlich
keit" für das Jahr 1882 wohnten in 13 unsittlichen Straßen Ham
burgs 459 schulpflichtige Kinder, 243 Knaben und 216 Mädchen,
davon allein 155 Kinder im berüchtigten „Specksgang".
Die Bordelle, anstatt nur als Abzugskanäle für den heißen,
unbezähmbaren Geschlechtstrieb zu dienen, erwecken erst vielfach
künstlich die Geschlechtslust. Die Adressen der Bordelle sind durch
weg stadtbekannt. Die Bordelle werden eine Sehenswürdigkeit für
Fremde, und Tausende von Fremden, die nie einer einzelnen Pro
stituierten einen Besuch abstatten würden, betreten die Bordelle aus
Neugierde. Bordelle werden zu öffentlichen Vergnügungslokalen.
Der Verkehr in diesen Bordellen steht in gar keinem Verhältnis zu
der wirklichen Nachfrage nach käuflicher Liebe. Die Mädchen ver
dienen sich durch Ausführung der derbsten Schamlosigkeiten hohe
Trinkgelder, und die Wirte der Freudenhäuser bereichern sich aus
der Darreichung geistiger Getränke an Gästen, die gar nicht nach den
Umarmungen der öffentlichen Mädchen verlangen. Das Bordell
provozierte zu allen Zeiten die tollsten Verschwendungen. Nach dem
vorher erwähnten Bericht des Hamburger' „Vereins zur Hebung