Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

Die  Lhe  und  die  Prostitution.
Uralte  Schrifturkunden  wissen  uns  schon  von  der  Prostitution
zu  erzählen,  aber  sie  reden  auch  im  gleichen  Atemzuge  von  der  Ehe.
Erst  mit  der  Gestaltung  der  sich  natürlich  in  ihrem  Wesen  wandelnden
Eheverhältnisse  konnten  bestimmte  außereheliche  Formen  der  Hingabe ­
  des  Weibes  an  den  Mann  als  Prostitutionsakte,  als  sittlich
verwerfliche,  die  Frau  bloßstellende  Handlungen  gekennzeichnet
werden.  Es  müssen  sich,  erst  für  den  sexuellen  Verkehr  und  die  Fortpflanzung ­
  und  Auferzie'hung  der  Gattung  bestimmte  Normen  in  der
Gesellschaft  ausgebildet  haben,  wenn  gewisse  außereheliche  Liebesumarmungen ­
  mit  dem  Makel  der  Prostitution  belegt  werden.
Sexueller  Verkehr  —  und  die  Fortpflanzung  und  Auferziehung
der  Gattung!  Müssen  sie  immer  zusammenfallen?  Der  sexuelle
Umgang  kann  zum  Selbstzweck  erhoben  werden  und  vollkommen
unfruchtbar  sein.  Dem  Prostitutionsverkehr  pflegt  meist  die  Unfruchtbarkeit ­
  anzuhaften.  „Auf  den  Wegen,  welche  alle  Welt  betritt, ­
  wächst  kein  Gras",  sagt  einmal  treffend  Bertillon.  Ganz
außerhalb  seiner  Absicht  liegt  bei  dem  Mann,  der  eine  Prostituierte
umfängt,  der.  Gedanke  an  die  Fortpflanzung  seines!  Geschlechts.
Zwischen  dem  individuellen  Geschlechtsgenuß  und  dem  ernsten  Zweck
der  Fortpflanzung  und  Veredelung  der  Rasse  kann  sich  ein
ganzer  Abgrund  ausbreiten.  Es  ist  die  charakteristische  Seite  der
Prostitution,  daß  sie  gerade  den  bloßen  Geschlechtsgenuß  zu  einem
besonderen  Kultus  erhebt.
Der  Gedanke  der  Gattungsfürsorge,  der  in  den  Eheeinrichtungen ­
  lebt,  deckt  sich  durchaus  nicht  immer  mit  den  Liebesleidenschaftcn
  der  Menschen,  die  eine  Ehe  eingegangen  sind.  Die
menschlichen  Liebesleidenschaften  unterliegen  vielfach  einem  schnellen
Wechsel.  Dieser  Wechsel  kann  direkt  für  die  aus  dem  Eheverhältnis
entsprossenen  Nachkommen,  für  die  Gattung  lebensgefährlich  werden.
Die  menschlichen  Liebesleidenschaften  sind  in  ihrer  leiblichen  und
seelischen  Richtung,  in  ihrer  Tiefe  und  Stärke  häufig  grundverschieden. ­
  Verheerende  Konflikte  toben  sich  zwischen  Liebe  und
Ehe,  zwischen  individueller  Geschlechtsleidenschaft  und  dem  Gattungsinteresse ­
  aus.
            
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