Full text: Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

würde meiner Ueberzeugung nach keine noch erheblichere Ausbreitung 
der Geschlechtskrankheiten zur Folge haben." 
In unseren Tagen, wo der Streit für das Für und Wider der 
polizeilichen Kontrolle noch so wild wogt, ist es ein überaus ver 
dienstliches Werk, daß fidj 1 da ein Fachgelehrter, der Herr Professor 
Dr. S. Bettmann-Heidelberg, „die ärztliche Ueberwachung der Pro 
stituierten" zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Spezialstudie 
erwählt hat. 
Professor Bettmann hält an dem Sahe fest, daß die gesundheit 
liche Ueberwachung der Prostituierten zunächst eine gewisse Zahl von 
Infektionen verhüte. „Trotzdem wird sich der Hygieniker mit dem 
vorhandenen System der Reglementierung nicht zufrieden geben 
können. Selbst wenn alle jene Verbesserungen des medizinischen 
Teiles der Kontrolle, die praktisch erreichbar wird, eingeführt 
würden, und damit bezüglich der Ueberwachten die Einwände weg 
fielen, die sich aus mangelhaften hygienischen Maßnahmen herleiten, 
besteht die Tatsache fort, daß durch die jetzige Methode nur ein be 
schränkter Bruchteil der Prostituierten einer regelmäßigen ärztlichen 
Kontrolle unterstellt bleibt. Auch dann, wenn im Rahmen der Re 
glementierung der humane Standpunkt immer mehr zu seinem 
Rechte kommt, fehlt es dem System an der nötigen Erweiterungs 
fähigkeit. Die Reglementierung an sich behält abschreckende Härten, 
die sich durch die praktische Ausführung vielleicht einengen, aber nicht 
beseitigen lassen. Die Ueberzahl der Prostituierten der Kultur 
länder sucht der Kontrolle zu entrinnen, und diese Tendenz steigert 
sich in fortschreitender Entwickelung. Dazu muß die Behörde selbst 
immer mehr gewisse Elemente von der Reglementierung ausschließen 
— und das betrifft vor allem die gefährliche Quote der Minder 
jährigen. So führt das System allmählich statt zur Erweiterung 
zur Einengung seiner Wirksamkeit. Unter den älteren Prostituierten, 
die unter der Reglementierung verbleiben, befindet sich ein großer 
Bruchteil von solchen, die der genauen hygienischen Ueberwachung 
kaum mehr bedürfen; wenn diese der Kontrolle zu anscheinend guten 
Resultaten verhelfen, so bedeutet das noch nichts für die Vortrefflich 
keit des Systems; und je größere Bedeutung die geheime Prostitution 
gewinnt, die der Reglementierung unerreichbar bleibt, um so mehr 
wird man sich fragen müssen, ob die ganze Steigerung an Mühe und 
Kosten, die für die hygienische Ausgestaltung jener Kontrolle an 
gestrebt werden, sich lohnt, und ob nicht unsere ganzen Bestrebungen 
mit einem Luxusexperimente enden, das einer unfruchtbaren Be 
mühung höchstens den Schein von Erfolgsmöglichkeiten verleiht." 
Und im vollen Einklang mit jener tief pessimistischen Stimmung 
gegenüber der sanitätspolizeilichen Kontrolle des Prostituierten er 
klärt er die Rolle, die dem Arzte durch die Reglementierung der 
Prostitution angewiesen wird, für undankbar und wenig erfolgreich. 
„Wenn . den Aerzten im Rahmen der bestehenden Reglementierung 
eine Tätigkeit zufällt, so haben sie nachdrücklich hervorzuheben, wie
	        
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